Wiener Stadtschulratspräsident: "Brauchen 110 Sprachlehrer zusätzlich"

Interview30. Juni 2016, 15:41
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Jürgen Czernohorszky sieht Flüchtlingsklassen nur als Übergangslösung und fordert mehr Sprachförderstunden

STANDARD: Sie sind seit sechs Monaten im Amt. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Czernohorszky: Ich fühle mich bestätigt. Ich wollte von Beginn an zeigen, dass Wiener Schulen voll sind von Innovation und Lehrern, die mit großem persönlichem Einsatz und vielen neuen Ideen Schüler begeistern. Man kann sehr viele Erfolgsgeschichten von Wiener Schulen erzählen.

STANDARD: Keine besondere Erfolgsgeschichte ist das Ergebnis der jüngsten Bildungsstandard-Tests. Da haben die Wiener Viertklässler vor allem in der Lesekompetenz unterdurchschnittlich abgeschnitten. Was werden Sie tun?

Czernohorszky: Bildungsstandards sind ein Feedback. Sie geben uns die Möglichkeit, mit den einzelnen Schulen an einer positiven Entwicklung zu arbeiten. Generell: Die Ergebnisse in Österreich streuen extrem schmal um einen Mittelwert, manche ein wenig darüber, manche darunter. Das ist eine österreichische Systemrückmeldung an die Schule, bei Lese- und Sprachförderung mehr zu tun. Zwei interessante Dinge sind dabei zu beachten: Bildungsstandards erheben auch Umfeldfaktoren. Sie zeigen auch, was die Herausforderungen ausmacht: Bildungsstandard der Eltern, Einkommen, Sprachbarrieren, Migrationshintergrund. Es zeigt sich schon, diese Herausforderungen sind in einem Ballungsraum ungleich größer. 56 Prozent der SchülerInnen in Wien sind an Schulen mit besonderen Herausforderungen, in Niederösterreich 16 Prozent, im Burgenland null. Die Wiener Ergebnisse waren sowohl unter den Migrantinnen und Migranten als auch unter den Nichtmigrantinnen und Nichtmigranten deutlich über dem Österreich-Schnitt. Allerdings leben in Wien deutlich mehr Migrantinnen und Migranten, das hatte natürlich Einfluss auf das gesamte Ergebnis. Das ist zwar kein Grund zum Jubeln, aber auch keiner für Wehklagen.

STANDARD: Sind die Bildungsstandards aus Ihrer Sicht ein gutes Messinstrument?

Czernohorszky: Es ist notwendig, dass sich alle Beteiligten klarmachen, was sie zeigen und was sie nicht zeigen. Für die Schulen ist es ein Feedback auf das vergangene Schuljahr. Einen Vergleich über mehrere Jahre halte ich für schwierig, weil etwa in Wien pro Jahr 43.000 Menschen zuziehen. Der Bildungsstandard kann daher immer nur eine Momentaufnahme sein. Für das Schulsystem selbst sehe ich den Lerneffekt weniger im Ländervergleich, weil es statistisch sehr eng zusammenliegt. Aber es gibt Feedback für die einzelnen Schulen österreichweit.

STANDARD: Der Bundesverband der Elternvereine hat vor der Einführung eines Sozialindex gewarnt, weil er Schulen mit geringerem Migrantenanteil benachteiligen würde. Was sagen Sie dazu?

Czernohorszky: Das war der Bundesverband der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen. Der Elternverband an Volks- und Mittelschulen, der den überwiegenden Anteil der Eltern von Schulkindern vertritt, sieht das anders. Aber noch einmal, auch an diese Adresse: Die Herausforderungen sind in manchen Schulen eben besonders hoch, und in Ballungsräumen besonders. Das ist keine Bewertung, sondern eine Tatsachenfeststellung, die jeder Lehrer spürt. In einer sehr heterogen zusammengesetzten Klasse ist das Unterrichten, auch im Hinblick auf individuelle Betreuung, einfach schwieriger. Da braucht es mehr Unterstützung für die Lehrer. Deshalb bin ich für die Einführung eines Chancenindex. Keinesfalls geht es darum, jemandem etwas wegzunehmen, sondern Schulen mit großen Herausforderungen zu unterstützen.

STANDARD: Wie viele Brennpunktschulen gibt es in Wien?

Czernohorszky: Wie gesagt, wenn mehr als die Hälfte der Kinder in Wien unter besonderen Herausforderungen lernen, kann man mit freiem Auge erkennen, dass es hier nicht um einzelne Schulen, sondern um ein Phänomen Stadt geht. Das zeigt sich auch bei den Bildungsstandard-Ergebnissen in Linz, Innsbruck, Graz, die alle sehr ähnlich sind, was Deutsch betrifft. In Englisch sind wir ja Spitzenreiter.

STANDARD: Die SPÖ war stets gegen eigene "Flüchtlingsklassen". Nun gibt es die aber mittlerweile in Wien. Hat die SPÖ, haben Sie umgedacht?

Czernohorszky: Zunächst einmal: Uns unterscheidet von anderen Bundesländern, dass Kinder bei uns vom ersten Tag an in die Schule gehen können. In manchen anderen Ländern dauert das bis zu sechs Monate. Zur schnellen Einschulung stehe ich. Das kann man menschenrechtlich und integrationspolitisch argumentieren, nichts ist schlimmer, als gegen eine leere Wand zu starren und nichts zu tun zu haben. Und Integration über die Schule ist der allerbeste Weg. Man kann das aber auch juristisch argumentieren. In Österreich besteht Schulpflicht, und es ist unsere Aufgabe, dass jedes Kind eine Schule besucht. Das ist uns bisher gut gelungen.

STANDARD: Dennoch gibt es jetzt eigene Klassen für Neuankömmlinge.

Czernohorszky: Wir sind davon überzeugt, dass Kinder besonders gut lernen, wenn sie mit anderen Kindern lernen. Daher sind die Kinder in der Regel in normalen Schulklassen untergebracht und haben elf Stunden wöchentlich "Neu in Wien"-Kurse. Dort passiert Sprachförderung, Alphabetisierung, Verhalten auf dem Schulweg et cetera. Nun ist die Anzahl aber seit letztem Herbst von 570 auf 3.000 Schüler in Wiener Pflichtschulen gestiegen – Fluchtbewegungen sind ja nicht planbar. Da mussten wir neue Klassen eröffnen, die Kinder sind aber etwa bei Ateliertagen oder beim Sport mit anderen zusammen und starten im neuen Schuljahr in einer Regelklasse. Wir haben jetzt zu Schulende 17 "Neu in Wien"-Klassen, die in Schulen nahe am Wohnort sind. Von diesen werden bei Schulbeginn im Herbst nur mehr fünf an den Start gehen.

STANDARD: Sind das aber dann nicht trotzdem so etwas wie Ghetto-Klassen?

Czernohorszky: Überhaupt nicht. Wie gesagt, sie lernen ja gemeinsam mit anderen Kindern. Wenn man haben will, dass Kinder, die während des Schuljahrs kommen, von Beginn an lernen können, kann man das nur über neu geschaffene Klassen machen, wenn die Regelklassen voll sind.

STANDARD: Das Teamteaching an den Neuen Mittelschulen funktioniert nicht gut, es gibt zu wenige AHS-Lehrer, die an Mittelschulen unterrichten. Darüber ist ein Konflikt zwischen Bund und Ländern ausgebrochen – wo steht Wien?

Czernohorszky: Der Konflikt ist in Wahrheit kleiner, als die öffentliche Auseinandersetzung darum glauben lässt. Was steckt dahinter? Neue Mittelschulen bekommen die Möglichkeit, in den Hauptfächern sechs Stunden pro Klasse im Team zu unterrichten. Das Ziel war, dafür ein Team aus NMS- und AHS-Lehrerinnen und -Lehrern zu schaffen. Das gelingt in den unterschiedlichen Ländern unterschiedlich gut. Das hat fast immer regionale Gründe, weil es im Ballungsraum einfach mehr Schulen gibt und Lehrer die Auswahl haben. Auf dem Land sind Lehrer meist froh, wenn sie überhaupt einen Job in einer nahe gelegenen Schule bekommen.

STANDARD: Spielen da nicht auch Vorurteile gegenüber der Mittelschule eine Rolle, dass sich nicht genügend AHS-Lehrer melden?

Czernohorszky: Wie bei allen Themen im Bildungswesen, die man systemisch diskutieren muss, gilt auch hier: Es gibt einen Grundkonstruktionsfehler im Schulsystem, nämlich dass die Mittelstufe nicht gemeinsam geführt wird. Eltern müssen eine Entscheidung treffen für ihre neuneinhalbjährigen Kinder, die Auswirkungen auf deren ganzes Leben hat. Ein Teil der Schulen, die AHS, hat die Möglichkeit, Schüler abzuweisen, ein anderer Teil, die Mittelschulen, darf das nicht. In der Schule, die mir und einer ganzen Reihe ernstzunehmender Experten vorschwebt, sollte das nicht mehr so sein.

STANDARD: In den ersten drei Volksschulklassen kann, aber muss es künftig keine Schulnoten geben. Wie wird Wien das handhaben?

Czernohorszky: In Wien gibt es jetzt schon an 264 von insgesamt 279 Volksschulen Klassen, wo die alternative Leistungsbeurteilung gepflegt wird. Wir reden hier von einem überwiegendem Teil aller Wiener Volksschulen, weil dieses Modell aus pädagogischer Sicht Sinn macht. Bis jetzt war das auf dem Weg eines Schulversuchs möglich, jetzt kann es dann von der Schule direkt entschieden werden. Das betrifft österreichweit 2.000 Schulversuche. Das ist die Normalisierung eines Zustands, den wir jetzt schon haben.

STANDARD: Was konkret erwarten Sie von Bildungsministerin Hammerschmid? Sie wollten ja Gesamt-Wien als Modellregion für die Neue Mittelschule durchsetzen.

Czernohorszky: Prinzipiell wünsche ich mir gute Rahmenbedingungen für fortschrittliche Bildungspolitik. Zunächst einmal brauchen wir pädagogische Innovationen, die das Lehren und Lernen verbessern. Und wir brauchen eine Reform, die ein Grundproblem beseitigt: dass Bildung vererbt wird und vom Geldbörsel der Eltern abhängig ist. Da gibt es eine Zahl an organisatorischen Dingen, die zu tun sind – am augenfälligsten ist die gemeinsame Schule. Ich halte es für viel zu früh, dass Kinder mit neuneinhalb Jahren, unter dem Verlust von Freundschaften, auf eine Lebenswegentscheidung von so großer Tragweite geschickt werden. Abgesehen von einer Zäsur sprechen wir hier auch von einer Mauer, die errichtet wird, über die Kinder mit einem schwereren Rucksack auch mühevoller drüberkommen. Aber es geht auch um den Ausbau der Ganztagsschulen und den Abbau der Übergangsschwierigkeiten zwischen den einzelnen Schulstufen – vom Kindergarten an, wo wir einen gemeinsamen Einstieg mit der Volksschule brauchen. Das alles ist ja, in unterschiedlicher Ausformung, bereits ausgemacht. Ich wünsche mir, dass wir da mutig weitergehen. Und was die Modellregion Wien betrifft: Egal wie weit die Tür aufgemacht wird, wir werden maximal durchgehen.

STANDARD: Wie viel Geld braucht Wien dafür vom Bund?

Czernohorszky: In Ziffern kann ich das nicht beantworten. Ich kann nur sagen, welche Steine uns aus dem Weg geräumt werden müssen. Die Deckelung der Zahl der Sprachkurse für Kinder im Finanzausgleich ist eine Beschränkung, die sowohl leistungs- und lernfeindlich als auch unpraktikabel ist. Wir müssen auch hier vom Kind aus denken: Was es braucht, das braucht es – und das ist oft mehr als sprachliche Unterstützung, das geht auch in den sozialen Bereich hinein. Wir haben das in Wien erkannt und werden 100 Personen als Unterstützungspersonal einsetzen. Aber wir könnten auch sofort 110 Sprachlehrer zusätzlich einstellen. Ich hoffe sehr, dass es da vom Finanzminister Unterstützung gibt. (Petra Stuiber, 30.6.2016)

Jürgen Czernohorszky (39), ehemals SPÖ-Gemeinderat und Geschäftsführer der Österreichischen Kinderfreunde, ist seit Dezember 2015 Wiener Stadtschulratspräsident.

  • Czernohorszky: "Wir müssen das Grundproblem beseitigen, dass Bildung vererbt wird und vom Geldbörsel der Eltern abhängig ist."
    foto: heribert corn

    Czernohorszky: "Wir müssen das Grundproblem beseitigen, dass Bildung vererbt wird und vom Geldbörsel der Eltern abhängig ist."

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