Amerikanische Retro-Häuser: Mit Prototypen gegen Wohnungsnot

Ansichtssache3. Juli 2016, 10:00
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Das Case-Study-House Programm im Amerika der Nachkriegszeit war die Antwort auf den Bauboom. Das Ziel: erschwingliche Häuser für jedermann. Ein neuer Bildband zeigt nostalgische Fotos der Prototypen.

foto: photo julius shulman/getty research institute

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Wohnungsnot in den USA groß. Um das Problem zu bekämpfen, rief die Zeitschrift Arts & Architecture das Programm Case Study Houses (zu deutsch Fallstudien-Häuser) ins Leben.

Entworfen wurden insgesamt 36, für den Durchschnittsamerikaner erschwingliche Modellhäuser, die vor allem einfach nachzubauen sein sollten. Nicht alle Entwürfe wurden am Ende auch umgesetzt.

Im Bild: Case Study House Nummer 22 / West Hollywood, California, 1960

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foto: photo julius shulman/getty research institute

Das Programm lief von 1945 bis 1966 und fand großen Anklang in der Bevölkerung. Die ersten sechs Häuser wurden im Jahr 1948 erbaut und zogen mehr als 350.000 Besucher an.

Im Bild: Charles Eames and Eero Saarinen, Case Study House Nummer 9, Entenza House, Pacific Palisades, California, 1945–1949

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foto: photo julius shulman/getty research institute

Der Herausgeber der Zeitschrift Arts & Architecture, John Entenza, war der Initiator des Projekts und ein großer Verfechter des Modernismus. Für sein Vorhaben konnte er durch seine guten Beziehungen namhafte Architekten wie Richard Neutra, Craig Ellwood, Ray Eames oder Raphael Soriano gewinnen.

Einige der Häuser wurden in kultigen Schwarz-Weiß-Fotografien des Architekturfotografen Julius Shulman in Arts & Architecture vorgestellt.

Im Bild: Buff, Straub & Hensman, Case Study House Nummer 20, Bass House, Altadena, California, 1958

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foto: photo julius shulman/getty research institute

Zu den Vorgaben für die Architekten gehörte, möglichst Techniken und moderne Materialien zu nutzen, die während des Krieges entwickelt oder verbessert worden waren.

Die experimentelle Architektur der Häuser hatte wesentliche Auswirkungen auf Entwicklungen moderner Baustile rund um den Globus, heißt es in einem neu erschienen Bildband.

Im Bild: Richard Neutra, Case Study House Nummer 20, Bailey House, Pacific Palisades, California, 1947-1948

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foto: taschen

In der "Kleinen Reihe – Architektur" des Taschen Verlags ist nun ein Leitfaden zum Case-Study-Houses Programm erschienen. Darin finden sich über 150 Fotos in Farbe und Schwarz-Weiß, die einen intimen Einblick in die bewohnten Prototyp-Häuser geben.

Im Bild: Charles and Ray Eames, Case Study House Nummer 8, Chautauqua Boulevard, Pacific Palisades, California, 1945-1949

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foto: taschen

Ganz besonders Liebhaber der Einrichtungsstile der 1940er- bis 1960er-Jahre werden Gefallen an den Fotografien aus der Nachkriegszeit finden. Die Kleidung der damaligen Bewohner der Case Study Häuser wird modebegeisterte Architekturfans erfreuen.

Im Bild: Pierre Koenig, Case Study House Nummer 22, Woods Drive, West Hollywood, California, 1959-1960

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foto: taschen

Neben Innen- und Außenansichten der Modellhäuser finden sich auch Grundrisse der 36 geplanten Objekte im Buch. Zudem gibt es eine Karte, auf der die Lage aller Häuser eingezeichnet ist, auch jener, die heute nicht mehr existieren. Die meisten Modellhäuser stehen bzw. standen im Raum Los Angeles, eines in Phoenix, Arizona.

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foto: taschen

Die Ergebnisse des Projekts, so heißt es im Buch, sollten das moderne Heim neu definieren. Einige der Architekten wollten mit ihren Modellhäusern auch die Wohnart der Amerikaner beeinflussen. Das Case-Study-House Nummer 3 (siehe Foto) etwa, wurde statt mit einem Wohnzimmer, mit einem Wohngarten ausgestattet, der den Mittelpunkt des Familienlebens bilden sollte. Die Architekten stellten sich für die Bewohner ein Leben zwischen "indoors und outdoors" vor.

Im Bild: William W. Wurster und Theodore Bernardi, Case Study House Nummer 3, Chalon Road, Los Angeles, California, 1945-1949

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foto: taschen

Die Architektur jedes Hauses wird im Buch ausführlich beschrieben. Dabei werden auch die Intentionen des Architekten näher erklärt und die Wahl der Farben und Materialien wird ausführlich begründet.

Wer sich für die schlichte und farblich spannende, amerikanische Architektur der Nachkriegszeit interessiert und in längst vergangenen Zeiten des Wohnens schwelgen möchte, dem wird dieser umfangreiche Bildband spannende Einblicke liefern. (bere, 3.7.2016)

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foto: taschen

Elizabeth A. T. Smith, Peter Gössel
Case Study Houses

Hardcover, 21 x 26 cm
96 Seiten / 9,99 Euro

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