Betrugsprozess: Lehren aus dem unbesicherten 100.000-Euro-Kredit

1. Juli 2016, 07:00
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Eine 42-jährige soll sich privat 100.000 Euro geborgt und nicht zurückgezahlt haben. Sie sieht sich nicht schuldig und vom Pech verfolgt

Wien – "Wer in Zukunft Geld von mir will, wird keines bekommen. Das ist die Lehre, die ich gezogen habe", teilt Alexander B. lakonisch Christian Noe, dem Vorsitzenden des Schöffenverfahrens gegen Sonja T., mit. Im Frühjahr 2015 war der Unternehmer noch spendabler – er borgte der 42-Jährigen 100.000 Euro. Ohne Sicherheiten zu verlangen.

Angeklagt ist die Immobilienunternehmerin nun wegen schweren Betruges, denn entgegen ihren damaligen Versprechungen hat sie bisher erst 20.000 Euro der Schuld beglichen. Dennoch bekennt sie sich nicht schuldig.

Sie habe das Geld nicht herausgelockt, indem sie wichtige Informationen zurückgehalten hat, sondern sie habe einfach Pech gehabt, wie es im Geschäftsleben nun einmal vorkomme.

Anklagerisiko für jeden Unternehmer

In diese Kerbe schlägt auch ihr Verteidiger: "Wenn man der Anklage folgt, müsste man jeden Wirtschaftstreibenden, der insolvent wird, weil ein Projekt nicht zustande kommt, klagen." Tatsächlich habe seine Mandantin damals selbst noch 50.000 Euro aus offenen Rechnungen erwartet, zusätzlich mehrere zehntausend Euro Ausschüttung aus der Familienstiftung.

Die Angaben der Generalien zehren etwas an den Nerven des Vorsitzenden. T. sagt, sie verdiene als Geschäftsführerin ihrer Firma im Schnitt monatlich 4000 Euro. Dass sie zusätzlich 20.000 Euro jährliche Ausschüttung aus der Stiftung bekommt und einen Viekanthof im Wert von 700.000 Euro besitzt, muss der Noe aus ihr herauskitzeln.

Das gleiche Spiel bei den Schulden. 8000 Euro, sagt die Angeklagte. Der Vorsitzende bohrt nach, bis er hört, dass aus dem aktuellen Fall noch 80.000 Euro offen sind und der Vierkanter mit einem Kredit belastet ist.

Konkursantrag gegen Firma

Dann beginnt sie zu erzählen, wie die Lage im vergangenen Jahr war. "Es gab einen Konkursantrag gegen meine Firma." Das Finanzamt und die Sozialversicherung wollten Geld. Aus einem Deal in Wien habe sie Anspruch auf 50.000 Euro gehabt, der Geschäftspartner wollte aber nicht zahlen.

"Warum sind Sie dann nicht zu einer Bank gegangen?", fragt Noe. "Weil ich eine kurzfristige Lösung gesucht habe." – "Glauben Sie, dass Sie damals noch einen Bankkredit bekommen hätten?" – "Das wäre eine Frage der Bewertung der Sicherheiten gewesen", weicht sie aus.

Der Vorsitzende argwöhnt, dass es noch einen anderen Hindernisgrund gegeben hätte. "Laufen gegen Sie Exekutionsverfahren?" – "Ja" – "Wie viele?" – "Rund 20." Wie sie schließlich eingestehen muss, war sogar schon der Gerichtsvollzieher bei ihr und versteigerte Sachen.

"Kurzfristiger finanzieller Engpass"

Die Zeit drängte. Also kontaktierte sie einen ihr eher flüchtig bekannten Unternehmer, sprach von einem "kurzfristigen finanziellen Engpass" und bat um ein Darlehen. "Wie viel der 100.000 Euro waren für die Exekutionen und wie viel für Liquidität?", fragt Noe. "Zwei Drittel und ein Drittel."

T. bleibt aber dabei: Sie habe bis zum Sommer 2015 mit Eingängen von mindestens 70.000 Euro gerechnet, damit wäre die Rückzahlung kein Problem gewesen. Sie habe nie den Vorsatz gehabt, die Schulden nicht zu begleichen. Noe zweifelt dennoch und hält der Angeklagten vor, dass auch schon zwischen 2010 bis 2013 jährlich Exekutionen gegen sie gelaufen sind, ihre finanzielle Lage also schon länger ausbaufähig gewesen ist..

Ihr Geldgeber habe aber von den Schwierigkeiten gewusst, behauptet T. nun. Wobei – wirklich aktiv hat sie ihn nicht darauf hingewiesen. "Die Exekutionen sind nebenbei erwähnt worden." – "Ist Herr B. darauf eingegangen?" – "Es wurde darüber diskutiert. Aber ich wurde nicht nach der Höhe der Schulden gefragt."

Geldgeber wusste nichts von Zwangsversteigerung

B. bestreitet das. "Wenn ich gewusst hätte, dass es schon eine Zwangsversteigerung gegeben hat, hätte ich das Geld nie hergeborgt", sagt er als Zeuge. Nur: Sein Interesse an T.s Situation ist überschaubar gewesen.

"Sie kommt aus einer bekannten, seriösen, Familie", sagt er. In der Vergangenheit habe es auch nie Probleme gegeben, obwohl es nie zu einem Geschäftsabschluss gekommen sei. "Aber sie machte einen sympathischen, seriösen Eindruck." Über die Schulden der Angeklagten hat er sich nicht näher erkundigt, auch keine Sicherheiten verlangt. "Ich habe mir erwartet, dass sie zahlt."

Noe vertagt schließlich auf 22. August, da B.s Notar, ein wichtiger Zeuge, verhindert ist. (Michael Möseneder, Michaelvár Peterson, 30.06.2016)

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