Gerhard Roth: Schreiber gegen den Hass

29. Juni 2016, 19:27
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Der Autor erhielt den Großen Österreichischen Staatspreis

Von einer "Versöhnungsgeste" sprach Gerhard Roth, als er Anfang März als diesjähriger Träger des Großen Österreichischen Staatspreises bekanntgegeben wurde. Denn er habe "ja lange Zeit sehr harte Kritiken in Österreich bekommen", meinte der kürzlich 74 Gewordene weiter. Am Mittwoch nahm er die mit 30.000 Euro dotierte Ehrung – zum ersten Mal seit 2012 geht sie wieder an die Sparte Literatur – entgegen.

Was ihn so unbeliebt machte? Mit einem Zitat aus seiner Staatspreisrede Über den Hass könnte man es den "Versuch, die Wahrheit zur Sprache zu bringen", nennen. Roths Figuren sind immer am Rand Stehende. Unbequeme dadurch, dass sie sich nicht abfinden wollen mit dem Schweigen über den Nationalsozialismus, mit Gewalt oder eben mit dem Hass, den jeder kenne: aus der Schule, vom Arbeitsplatz, aus dem Internet oder von religiösen Fanatikern. Verdrängtes und "Aufgestautes" wirken für Roth weiter, daraus erklärt sich sein Interesse auch am Wahn.

Dabei hätte er dem Wunsch des Vaters folgend statt mentaler körperliche Wunden heilen sollen. Das Wort lockte den 1942 in Graz – der Stadt des Forum Stadtpark und der Literaturzeitschrift "manuskripte", beide gegen Ende seiner Jugendjahre gegründet – Geborenen aber mehr. 1967 brach er das Medizinstudium ab und arbeitete bis 1977 als Programmierer, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Zugleich formulierte er sich seit seiner ersten experimentellen Prosa in den frühen 70er-Jahren stetig weiter hinein in die deutschsprachige Literatur von Rang.

Wie ein Archäologe gräbt und schürft er immer noch, um das so Gefundene und Dokumentierte mit Erfundenem und Fiktionalem zu verdichten. Denn nur die Kunst sei "fähig, den Blick auf den Menschen wie auf ein fremdes Wesen zu richten" und dessen Tun zu erklären. Die Fotografie ist ihm dabei ein zweites Instrument. Roths Werk umfasst neben Prosa, Reportagen, Essays und Stücken auch Fotobücher.

Ein Gutteil ist aber den beiden Romanzyklen Archive des Schweigens (1980–1991) sowie Orkus (1995–2011) zuzurechnen. In Wien, wo er mit seiner Frau Senta seit 1986 lebt, und der Südsteiermark, dem Sommersitz, brütet der vielfach Ausgezeichnete, die Zeremonie nun hinter sich, weiter an nächsten Büchern. Diese Arbeit ist das "Einzige, was mich sozusagen in geistiger Form hält". (Michael Wurmitzer, 29.6.2016)

  • Roth nahm den Staatspreis am Mittwoch entgegen.
    foto: apa/senta roth

    Roth nahm den Staatspreis am Mittwoch entgegen.

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