Labour-Chef Corbyn klammert sich an sein Amt

29. Juni 2016, 17:52
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Der Vorsitzende der britischen Sozialdemokraten, Jeremy Corbyn, will auch nach einer verlorenen Misstrauensabstimmung nicht zurücktreten

Wie jede Woche bleibt der Oppositionsführer auch an diesem Mittwoch betont ruhig. Jeremy Corbyn nutzt die sechs ihm zur Verfügung stehenden "Fragen an den Premierminister" zu Erkundigungen über die Brexit-Folgen: Was unternimmt die Regierung gegen die Jobunsicherheit? Was tut sie gegen die rassistischen Vorfälle?

Fünfmal antwortet der Regierungschef sachlich. Doch als der Labour-Chef, 67, seine Redezeit verbraucht und auf die verbleibenden zwei Amtsmonate des Premierministers angespielt hat, schlägt David Cameron erbarmungslos zu. Es sei ja vielleicht im Interesse seiner konservativen Partei, den unfähigen Gegenspieler im Amt zu behalten. Im Interesse der Nation aber sei es nicht, schleudert er über das Rednerpult hinweg und sieht dem Kontrahenten direkt ins Gesicht: "Um Himmels willen, Mann, gehen Sie!"

Die konservativen Abgeordneten hinter Cameron jubeln, auf den Labour-Bänken herrscht betretenes Schweigen. Keiner will zeigen, was alle Beobachter längst wissen: 80 Prozent der Fraktion stimmen mit dem Premier auf Abruf überein. Die Referendumskampagne und das 52:48-Prozent-Votum für den Brexit haben nicht nur die Gräben innerhalb der Regierungspartei offenbart, David Cameron als haltlosen Pokerspieler entlarvt und den Regierungschef zum Rücktritt gezwungen. Zum Vorschein kam auch die Unfähigkeit des Linksaußen Corbyn zu einer disziplinierten Kampagne im Interesse von Partei und Land.

Im Unterhaus agierte Corbyn 32 Jahre lang als Protestfigur und Advokat seiner Lieblingsanliegen: gegen den US-Imperialismus, für die Vereinigung Irlands, gegen die Unterdrückung Palästinas durch Israel. Als die Sozialdemokraten im vergangenen Jahr einen neuen Chef suchten, machten sich Linke und Linksradikale das Urwahlsystem zunutze. Während Vertreter des rechten und moderat linken Flügels sich gegenseitig die Stimmen abnahmen, triumphierte der vermeintlich Unwählbare.

Neun Monate hat Corbyn nun Partei und Fraktion geführt, skeptische Ex-Minister wie Hilary Benn (Umwelt, Entwicklungshilfe), Charles Falconer (Justiz) oder Angela Eagle (Finanzen) stellten sich zum Wohl der Parteieinheit fürs Schattenkabinett zur Verfügung. Doch bald verstärkte sich der Eindruck, den eine beinahe gleichaltrige langjährige Labour-Aktivistin so beschreibt: "Er ist im Protest steckengeblieben. Führung ist seine Sache nicht."

Keine Konsequenzen

Das historische Brexit-Resultat nahm Corbyn hin, als sei nichts gewesen. Dabei gilt der Stinkefinger vieler Arbeiterbezirke nicht nur der EU und der konservativen Regierung, sondern auch der Partei, von der sich traditionelle Labour-Wähler im Stich gelassen fühlen. Während der Premier umgehend zurücktrat, wollte der Oppositionsführer zum Popmusik-Festival nach Glastonbury reisen. Erst eine Revolte der Fraktion brachte ihn zur Besinnung.

Den Chefrebellen Benn feuerte Corbyn noch; doch seither sind ihm dutzende Mitglieder der Schattenregierung von der Fahne gegangen. Am Dienstagabend sprach die Fraktion dem Chef mit 172:40 Stimmen das Misstrauen aus. Der aber verweigerte sich parlamentarischen Gepflogenheiten und blieb im Amt: "Ich habe ein Mandat von den Mitgliedern."

Fünf dieser Mitglieder versammeln sich wenige Stunden nach der Vertrauensabstimmung um einen Londoner Küchentisch. Wir befinden uns im Nordlondoner Stadtviertel Islington, ausgerechnet Corbyns Wahlkreis, aber das Abendessen als Therapiesitzung könnte ebenso gut auch in Camden, Haringey oder Lambeth steigen. Diese Bezirke in der Hauptstadt gelten als Labour-Hochburgen und haben allesamt mit Dreiviertelmehrheit für den EU-Verbleib gestimmt.

Diskutiert werden die Fragen, die alle beschäftigen: Es geht um die Person Corbyn, um Labours Kernwählerschaft – und immer wieder um das Problem, was die instinktiv internationalistische, für soziale und ethnische Minderheiten eintretende Partei jenen Briten sagen soll, die sich eine Einschränkung der Einwanderung wünschen. Kommt es womöglich sogar zur Spaltung? "Jeremy würde das in Kauf nehmen", glaubt ein aufstrebender Unterhaus-Abgeordneter aus dem Norden. Dessen Erzählungen von den Alltagsnöten seiner Wahlkreisbürger klingen für die Londoner Bildungsbürger wie von einem anderen Stern. Am Ende des Abends herrscht Ratlosigkeit.

In Westminster versuchte sich die Fraktion am Mittwoch auf eine Übergangsfigur zu einigen, die Corbyn herausfordern soll. Im Gespräch sind Parteivize Tom Watson und die regierungserfahrene Angela Eagle, und es muss schnell gehen. Denn wenn im September ein neuer Premier in die Downing Street einzieht, könnte es wenige Wochen später zu Neuwahlen kommen. Sollte dann Corbyn noch im Amt sein, lautet die düstere Prognose des Ex-Innenministers David Blunkett, "dann werden wir ausgelöscht". (Sebastian Borger aus London, 29.6.2016)

  • Die Rücktrittsaufrufe an Labour-Chef Jeremy Corbyn werden immer lauter ...
    foto: afp/ho

    Die Rücktrittsaufrufe an Labour-Chef Jeremy Corbyn werden immer lauter ...

  • ... den lautesten und deutlichsten setzte am Mittwoch wohl Premier Cameron ab.
    foto: ap

    ... den lautesten und deutlichsten setzte am Mittwoch wohl Premier Cameron ab.

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