Zu viel Alles-oder-nichts bei der Zentralmatura

29. Juni 2016, 17:16
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BHS-Lehrervertreter Himmer verteidigt die mündliche Kompensationsprüfung als Fairnesselement

Wien – Die berufsbildenden höheren Schulen (BHS) waren heuer zum ersten Mal bei der Zentralmatura dabei, und "es hat gut funktioniert", resümiert BHS-Lehrergewerkschafter Heinrich Himmer (FSG). Im STANDARD-Gespräch warnt er vor überstürzten Änderungen des neuen Reifeprüfungssettings, die viele fordern, weil es etwa in den AHS in Mathematik diesmal doppelt so viele Fünfer bei den schriftlichen Klausuren gab wie im Vorjahr.

"Wenn bei einer Prüfung mehr als 90 Prozent durchkommen, dann spricht das weder gegen die beteiligten Schüler und Lehrer noch gegen die Prüfung an sich. Das ist eine durchaus akzeptable Quote", sagt Lehrervertreter Himmer, der in Wien selbst mehrere Maturaklassen unterrichtet.

Null oder eins

Ein Punkt jedoch sei von Lehrerinnen und Lehrern rückgemeldet worden, der eventuell überdacht werden solle. "Vor allem in Mathematik funktioniert das Punkteraster für die Bewertung offenbar sehr stark mit null und eins. Das schafft eine Alles-oder-nichts-Situation, die nicht berücksichtigt, dass ein Schüler vielleicht eine gute Lösungsidee hatte, aber sie schlecht umgesetzt hat. Möglicherweise sollte man eine andere Punkteaufteilung überlegen."

Aus dieser Perspektive, dass nicht ein Moment, vielleicht ein schlechter, allesentscheidend sein soll, verteidigt Himmer auch die mündliche Kompensationsprüfung. "Das gab es ja auch bei der alten Matura, und die Fragen sind ja auch für diese Prüfung zentral erstellt. Dass so viele danach positiv waren, ist eigentlich ein Zeichen, dass sie die Chance genützt und sich darauf besonders konzentriert haben. Das gehört zu einer fairen Prüfung dazu – gerade bei so einer Einmalprüfung."

"Weil es menschelt"

Anders sieht das der Sprecher der AHS-Direktoren, Wilhelm Zillner. Er ist mit der mündlichen Kompensation – wie auch der Klagenfurter Mathematikdidaktiker Werner Peschek, der sie im STANDARD "kontraproduktiv" und der Objektivität und Vergleichbarkeit widersprechend nannte – nicht glücklich. Bei dieser Prüfungsform "verliert man ein wenig die Objektivität, weil es menschelt", sagte er zur APA. Wie Peschek schlägt er eine schriftliche Kompensationsprüfung vor.

Ein Abgehen von der Zentralmatura hin zu einer teilzentralen Variante lehnt Zillner – wie auch der Grünen-Bildungssprecher Harald Walser – strikt ab: "Die ganze zivilisierte Welt hat zentrale Abschlussprüfungen." (Lisa Nimmervoll, 29.6.2016)

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