Eine gelöste Squadra blickt auf den Weltmeister

29. Juni 2016, 17:03
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Vor zwei Monaten galt Italien als nicht reif für die EM. Vor dem Heuler gegen Deutschland werden auf das Team Hymnen gesungen

Montpellier/Evian – Mario Balotelli hat keine Zweifel. "Wer Europameister wird? Italien", sagt der Stürmer, der nicht mithelfen darf in Frankreich, weil er nach seinem größten Triumph fußballerisch kaum noch einen Fuß auf den Boden gebracht und bei einem Disziplinfanatiker wie Italiens Trainer Antonio Conte so oder so ganz schlechte Karten hat.

Vor vier Jahren, im EM-Halbfinale, entfernte Balotelli mit seinen Treffern zum 2:1 Deutschland aus dem Turnier, schoss Italien also ins Finale – unvergessen seine Jubelpose. Natürlich ist der 25-Jährige jetzt, da die Squadra Azzurra im Viertelfinale am Samstag erneut auf die Deutschen trifft, gefragt. "Respektiert sie, aber fertigt sie ein weiteres Mal ab", rät Balotelli den Ex-Kollegen, die sich in Montpellier in gelöster Stimmung auf den Hit vorbereiten.

Auf und Ab für Conte

Hier wie zu Hause ist die Zuversicht groß. Nicht einmal die Sorge wegen der Blessur des Mittelfeldstrategen Daniele de Rossi oder wegen der Gelbsperre von Thiago Motta regt zu Nachdenklichkeit an. Conte, so klingt es allenthalben an, wird es schon richten.

Jener Conte (46), dem nicht nur "Tuttosport" vor der EM jegliche Kompetenz abgesprochen hat: "Conte macht einfach alles falsch." Und der "Corriere dello Sport" übte sich in Defätismus: "Der Unterschied zwischen uns und den Besten der Welt ist einfach zu groß." Freilich war da noch das 1:4 im Münchner Testspiel gegen den Weltmeister präsent gewesen. Damals, Ende März, wollte sich der Coach aus Lecce "in Ruhe Gedanken machen – ohne mich aufzuregen oder depressiv zu werden. Aber in sechs Wochen kann ja nichts Grundlegendes passieren."

Conte, der unmittelbar vor dieser Pleite seinen Abgang nach der EM Richtung FC Chelsea bekanntgegeben hatte, zog die richtigen Schlüsse und hatte das Glück, dass wichtige Stützen bis zur Endrunde fit wurden und bis jetzt blieben.

Giorgio, die Mauer

Allen voran Giorgio Chiellini, der in seinen beiden Einsätzen in Gruppenspielen und auch im Achtelfinale gegen Titelverteidiger Spanien nicht nur in der Verteidigung überragte. Die Gazetten überschlugen sich im Lob für den Mann aus Pisa. "Chiellini ist ein Bollwerk. Seine Leistung ist majestätisch", schrieb der "Corriere dello Sport". "La Stampa" nannte ihn "einen Gladiator", und der "Corriere della Sera" erhöhte geschmackssicher: "Chiellini ist wie ein Soldat im Schützengraben. Er ist nie unvorbereitet."

Wahre Hymnen singt dem 31- Jährigen ein nicht weniger eisenharter Vorgänger: "Er ist der wahre Anführer der drei Juventus-Verteidiger, die auch das Fundament von Antonio Contes Abwehr bilden", sagt Giuseppe Bergomi, der Weltmeister von 1982, der 20 Jahre in der Squadra verteidigte. "Chiellini ist eine Mauer – und in hervorragender Form. Er hat viel internationale Erfahrung und brennt nach der Niederlage gegen Spanien im Finale der EM 2012 auf den Titel."

Dass es nun gegen den Weltmeister geht, ist einem Typen wie Chiellini eher Ansporn denn Last. "Jetzt kommt der Spaß", sagt der Absolvent der Uni Turin (Betriebswirtschaft), dessentwegen schon viele Gegenspieler ihre Nerven wegschmissen – wie Uruguays Star Luis Suárez, der Chiellini bei der WM 2014 aus Frust in die Schulter biss und dafür vier Monate gesperrt wurde.

"Sie sind zwar die Weltmeister", sagt Chiellini über die Deutschen, "doch wir können eine außerordentliche Leistung schaffen. Für uns hat das Turnier erst so richtig begonnen."

Pfeifen im Wald

Ähnlich tönt es aus Evian, wo sich die Deutschen vorbereiten. Dass es bei Welt- und Europameisterschaften noch zu genau keinem Sieg gegen Italien reichte, ficht die Truppe von Joachim Löw nicht an. Auch die Begeisterung über Italiens Vorstellungen wird relativiert. "Alle sprechen immer von der italienischen Abwehr. Dabei ist es nicht so, dass Italien keine Chancen zugelassen hätte oder eine unbezwingbare, bombensichere Defensive stellt", sagt Thomas Müller, der bei dieser EM noch nicht getroffen hat.

Coach Löw holt sich vor allem Rat bei Sami Khedira, der als Spieler von Juventus bezüglich des Juve-Quartetts aus Goalie Gianluigi Buffon, Chiellini, Andrea Barzagli und Leonardo Bonucci kompetent ist. Löw: "Sami kennt sie aus dem Effeff. Er liefert mir wichtige Informationen." (sid, lü, 29.6.2016)

Mögliche Aufstellungen:

Deutschland: 1 Neuer – 21 Kimmich, 17 Boateng, 5 Hummels, 3 Hector – 6 Khedira, 18 Kroos – 13 Müller, 8 Özil, 11 Draxler – 23 Gomez

Ersatz: 12 Leno, 22 Ter Stegen – 2 Mustafi, 4 Höwedes, 16 Tah – 7 Schweinsteiger, 9 Schürrle, 14 Can, 15 Weigl, 19 Götze, 20 Sane – 10 Podolski

Es fehlt: Keiner

Italien: 1 Buffon – 15 Barzagli, 19 Bonucci, 3 Chiellini – 8 Florenzi, 14 Sturaro, 18 Parolo, 23 Giaccherini, 2 De Sciglio – 9 Pelle, 17 Eder

Ersatz: 12 Sirigu, 13 Marchetti – 4 Darmian, 5 Ogbonna – 21 Bernardeschi – 7 Zaza, 11 Immobile, 20 Insigne, 22 El Shaarawy

Es fehlen: Motta (gesperrt), De Rossi (Oberschenkelprobleme), Candreva (Adduktorenverletzung)

  • Juventus-Routinier Giorgio Chiellini glänzte in Frankreich bisher nicht nur als kompromissloser Verteidiger.
    foto: reuters/sibley

    Juventus-Routinier Giorgio Chiellini glänzte in Frankreich bisher nicht nur als kompromissloser Verteidiger.

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