Anschlag in Istanbul: Zweierlei Maß für Terror

Kommentar29. Juni 2016, 17:03
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Der gewaltige Sicherheitsapparat und die Allgegenwart der türkischen Polizei haben in den vergangenen Monaten noch mehr Attentate verhindert

Nach jedem Terroranschlag in seinem Land stemmt sich Tayyip Erdogan gegen diesen Vorwurf: Der Staatschef, der so viel Macht an sich gerissen hat, steht der Terrorwelle in der Türkei ohnmächtig gegenüber. Erdogan kann die Türken und ihre ausländischen Besucher nicht beschützen, so heißt es dann. Daran ist etwas dran – und wiederum doch nicht.

Der gewaltige Sicherheitsapparat im Land und die Allgegenwart der türkischen Polizei haben in den vergangenen Monaten zweifellos noch mehr Attentate verhindert. Anders als in Europa gibt es seit Jahren auch Sicherheitsschleusen in den Eingangshallen der türkischen Flughäfen. Sie mögen lästig sein, aber sie erschweren Terroranschläge von noch fürchterlicherem Ausmaß als jener am Atatürk International in Istanbul, dem drittgrößten Flughafen der Welt.

Aber dann waren da auch die lange Nachsicht der Türkei gegenüber den Islamisten, das Gewährenlassen der Terrormiliz IS, die in den türkischen Städten rekrutierte und sich vom Krieg ausruhte, sowie die türkischen Waffenlieferungen nach Syrien, die nicht aufgeklärt werden dürfen. Ankara hat den IS mittlerweile zum Feind erklärt. Doch das absurde Messen mit zweierlei Maß bleibt: In Erdogans Türkei kommen Uni-Dozenten wegen "Terrorismus" vor Gericht, weil sie eine Petition unterschrieben – oder die Chefin eines renommierten Menschenrechtsvereins wird in U-Haft gesteckt, weil sie symbolisch einen Tag lang eine Kurdenzeitung leitete. (Markus Bernath, 29.6.2016)

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