Wie Kunst ihr Publikum zensuriert

29. Juni 2016, 16:43
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Subject to_change und Choreograf Alessandro Sciarroni bei der Sommerszene

Salzburg – Im Mönchsberg entsteht ein zweites Salzburg. Das Miniaturmodell heißt Home Sweet Home und steht beim Sommerszene-Festival in der Kaverne 1595. Wer dieses Werk des Kollektivs Subject to_change besucht, kann aktiv teilnehmen. Erst werden den Besuchern von eloquenten Maklern Karton-Immobilien aufgedrängt, die in altersübergreifender Kindergartenatmosphäre selbst gestaltet werden sollen.

Ein Zentralfunk spielt Musik, eine glanzlose Bürgermeisterin herrscht mit Hinterhältigkeit. Hier kann nach Herzenslust regredieren, wer bereit ist, sich anzupassen und Teil einer "perfectly formed, miniature, cardboard community" (Zitat Website der Gruppe) zu werden.

Großartig: Hier führt – der Lokalaugenschein hat's bewiesen – eine Gruppe vor, wie Kunst ihr Publikum zensiert, sobald es wagt, seine Häuschen außerhalb der ästhetischen Niedlichkeitsnorm zu gestalten. Diese Umkehrung ist nicht ironisch gemeint, denn Subject to_change folgt einem ambivalenten Konzept der Gesellschaftsforschung. Bei Home Sweet Home kann man sich – noch bis Festivalende am Samstag – als supersoziales Wesen, aber auch als Duckmäuschen erfahren.

Eher für Erwachsene bestimmt und leider nur einmal zu sehen im Republic war das Goalball-Match Aurora des italienischen Choreografen Alessandro Sciarroni. Zwei je dreiköpfigen Mannschaften, fünf Spielern und einer Spielerin mit Sehbeeinträchtigungen, wurden die Augen lichtdicht verklebt.

Danach ging es darum, den Ball ins überbreite Tor des jeweiligen Gegners zu jagen. Die Spieler zeigten sich als Virtuosen der Kommunikation über raffinierte Soundcodes. An Spannung blieb da nichts zu wünschen übrig. Der Choreograf legte eine Sound- und Lichtstruktur über das Spiel – und so wurde der Sport im Theater zur ästhetischen Analyse der Zuschauer-Empathie. (Helmut Ploebst, 30.6.2016)

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