Nur Schlechte sind Echte

Kolumne29. Juni 2016, 17:00
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Für Verlierer in Politik und Fußball gilt das gleiche

Nun wissen wir also endlich, was mit unserer Nationalmannschaft bei der EM wirklich los war. "Wir waren schlecht vorbereitet. Die Spieler gingen nicht einmal zum Golfen, obwohl der Platz neben dem Hotel war" deckt Toni Polster in der Sonntagsausgabe der Zeitung Österreich auf. Eine erschütternde Information. Kein Wunder, dass Alaba und Dragovic nur die Stange treffen, wenn sie zuvor schon das Einlochen verweigern. Schuld daran hat laut Polster natürlich Marcel Koller, der nicht nur "die EM in den Sand gesetzt", sondern auch noch "David Alaba 'enteiert' hat". Ob wir uns Kollers Vorgehen bei der "Enteierung" chirurgisch oder eher nach der Versteckmethode des Osterhasen vorstellen müssen, bleibt offen.

Fest steht, dass Trainer-Kritik aus dem Munde Polsters wirkt wie eine Beschwerde Donald Trumps über Niveauverlust in der Politik, zumal die bemerkenswerteste Leistung in Polsters Trainerkarriere bislang darin bestand, als einziger Ex-Internationaler noch erfolgloser zu sein als Hans Krankl. Dass beide nun in Österreich ihre fachliche Expertise unter dem Motto "Wir hätten es sicher besser gemacht" absondern dürfen, passt zur stark fiktional orientierten Linie des Blattes. Ebenso wenig überrascht, wie schnell das zweite Zentralorgan der verdeckten Presseförderung, die Kronen Zeitung, von haltlos überzogener Euphorie auf die gewohnte Schäbigkeit umgestellt hat und sofort nach dem EM-Ausscheiden die Gage des zuvor bejubelten Teamchefs zu skandalisieren versucht.

Eher unerwartet aber, dass sich auch der ORF-Sport auf dieses Niveau begibt. Nach dem Spiel gegen Island wurden nur das Stadion verlassende, aggressiv schimpfende Matchbesucher interviewt. Wer jedoch im Stadion selbst saß, konnte sehen, dass nahezu alle österreichischen Fans auf ihren Plätzen blieben, um sich von den geknickten Teamspielern mit Applaus zu verabschieden. Ein Bild der Sportlichkeit, wie man es auch nach den wenig bis gar nicht geglückten Partien gegen Portugal und Ungarn erleben durfte. Offensichtlich unterscheiden sich die Unterstützer unseres Teams in einem wesentlichen Punkt von den sich als "Stimme des Volkes" aufspielenden Medien: Sie sind keine schlechten Verlierer.

Diese Erkenntnis sollte sich die FPÖ zu Herzen nehmen. Nach der Einvernahme von 67 Zeugen durch den VfGH wurde kein einziger Verdacht geäußert, wonach auch nur eine Stimmauszählung zu einem falschen Ergebnis gekommen sei. Angesichts dessen weiterhin eine Wiederholung der Wahl zu fordern ist wie der Wunsch nach der Neuaustragung eines verlorenen Matches, weil beim Gegner ein gesperrter Spieler zwar nicht gespielt, aber auf der Ersatzbank gesessen sei.

Für Verlierer in Politik und Fußball gilt: Nur schlechte sind echte. Und so wie der Fußball dieser Zielgruppe einen Toni Polster bietet, haben die Freiheitlichen eine Ursula Stenzel. Die meint beispielsweise, dass die Radiofrequenz einer Sendung mit Norbert Hofer "wie im Kalten Krieg" absichtlich unterbunden wurde. Ob Toni Polster das auch als "Enteiern" analysiert hätte? Oder war Stenzel, so wie gelegentlich auch Polster, empfangstechnisch einfach in einer anderen Welle? (Florian Scheuba, 29.6.2016)

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