Black Sabbath: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lehren

29. Juni 2016, 16:37
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Nach fast 50 Jahren im Dienste des schattseitigen, nachtmahrischen, jedenfalls schlecht ausgeleuchteten Heavy Metal und Doom Rock gaben Ozzy Osbourne und seine Mannen ein Abschiedskonzert in Wien

Wien – Black Sabbath und Paranoid und Children of the Grave und Into The Void und War Pigs und Iron Man und Tschinn und Bumm und Ratatat und so laut, dass man es noch im halben um die Wiener Stadthalle herumgebauten Bezirk Fünfhaus hören konnte, das kommt dann noch. Bitte bleiben Sie dran, die folgende Geschichte ist sehr wichtig. Also, Folgendes, dies ist die Geschichte des Heavy Metal:

Ausgangslage: Ältere Brüder. Jüngster Sohn, nennen wir ihn Ozzy, fühlt sich vor allem vom Vater vernachlässigt. Er immer mit den älteren Geschwistern Dutzidutzi und "Toll macht ihr das". Nie mit Ozzy. Mutter zählt nicht so. Keifen aus der Küche und Haushalt. Der Papa ist viel wichtiger. Papa aber immer nur: Ja, ist schon gut, ich hab's gesehn. Eh okay. Geh jetzt weg, und tu dich weiter still beschäftigen, Ozzy.

"Ach", sprach der Vater

Ozzy kompensiert dann recht bald ab der Pubertät sein Heischen nach Aufmerksamkeit mit Vandalismus sowie körperlicher Gewalt gegen Menschen, die er für "Gespenster" hält. Fürchten aber tut er sich als kleiner Psychopath natürlich nicht. Wie denn? Lieber stößt er nachts vermeintliche "Gespenster" die Treppe hinab, sodass sie sich den Fuß brechen. Keine Furcht, nur eine Schrecksekunde. Armes Bubi kann aber gar nichts dafür. Er ist ganz arm, er kann sich halt nicht und nicht gruseln! Dann wäre eh alles okay. Da hat dann der Papa mit dem Gipshaxen die Faxen aber ordentlich dicke:

"Ach", sprach der Vater, "mit dir erleb ich nur Unglück, geh mir aus den Augen, ich will dich nicht mehr ansehen." "Ja, Vater, recht gerne, wartet nur bis Tag ist, da will ich ausgehen und das Gruseln lernen, so versteh ich doch eine Kunst, die mich ernähren kann." "Lerne, was du willst", sprach der Vater, mir ist alles einerlei. Da hast du funfzig Thaler, damit geh in die weite Welt, und sage keinem Menschen, wo du her bist und wer dein Vater ist, denn ich muss mich deiner schämen."

Was im einst von den Gebrüdern Grimm für uns aufgezeichneten Märchen Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen so vielversprechend beginnt, endet später recht banal. Unser furchtloser und wohl auch unter mangelnder sozialer Intelligenz und Feinfühligkeit, also an Tumbheit leidender Held durchwandert die Welt. Er hat mit Totenschädeln Kegeln gescheibt. Er ist mit Leichen am Lagerfeuer gesessen und hat drei Nächte in einer heruntergerockten Hütte ausgesessen, wo es spukte und die Geisterbahn mit jeder Menge verhaltensauffälliger Ungustln an Bord (Untote, Hirnfresser, Vampire, Werwolfis, you name it ...) im Zehnminutentakt durchbrauste.

Deshalb gewinnt er am Ende auch endlich die obligatorische Prinzessin und dazu Gold, Grundbesitz und Macht. Aber gruseln tut es ihm halt immer noch nicht. Mittlerweile kann er davon mit seiner Band aber Lieder singen. Fairies Wear Boots, Behind The Wall Of Sleep, Rat Salad, N.I.B., Hand Of Doom. Kunststück, wenn man in einer Position ist, in der man als morgendliche Routine am liebsten vor dem Spiegel die eigenen Muckis küsst, gibt es wenig Grund für Zukunftsängste.

Kaltes klares Wasser

Der Gattin geht das ständige First-World-Problem-Gejammere wegen der fehlenden Thrills im Leben ihres Herzileins aber auch recht zügig auf den Zeiger. Sie schüttet ihm nachts in der Kemenate einen Kübel kaltes Wasser mit Fischen drin auf den Plutzer. Jetzt endlich geht Ozzy der Arsch auf Grundeis. Wow, wie geil ist das denn, ich habe ja die Hosen voll! Angst! Frau, du machst mir Angst! Das muss ich gleich künstlerisch zu verarbeiten versuchen: "Can you help me occupy my brain?!" Die Leute bei den Konzerten werden durchdrehen. Das mit dem Wasserkübelschütten muss ich mir übrigens merken. Das kommt sicher urgut an.

In Wien erlebte man nun die britischen Heavy-Metal- und Doom-Erfinder Black Sabbath nach fast 50 Jahren im Dienst des Gruselns zum letzten Mal. Abschiedstournee. Rente. The End. Es war würdig und recht und mit allen Hits. Gefürchtet hat sich aber deshalb niemand mehr. Der Trick ist: Man muss die Angst in sich selbst suchen. Na, gefunden? Eben. (Christian Schachinger, 29.6.2016)

  • "Can you help me occupy my brain?!" Verdammt, da sitzt schon jemand anders. Der große Irre Ozzy Osbourne und Black Sabbath befinden sich derzeit auf großer Abschiedstournee. Aktueller Halt: Wien.
    foto: balazs mohai / ap

    "Can you help me occupy my brain?!" Verdammt, da sitzt schon jemand anders. Der große Irre Ozzy Osbourne und Black Sabbath befinden sich derzeit auf großer Abschiedstournee. Aktueller Halt: Wien.

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