"Die Perser": Hybris, Hypo, Heta und Haider

29. Juni 2016, 15:54
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Das Aischylos-Stück in der Arena von Virunum in Kärnten

Klagenfurt – Xerxes, der mit Heer und Flotte seiner Perser 480 v. Chr. so gründlich an der Unterwerfung Griechenlands gescheitert ist, spielt, wenn er allein, zerlumpt und halb wahnsinnig vor Durst das heimatliche Sousa erreicht, als Erstes mit seinem Spielzeugauto. Man glaubt der Legende, dass dieser Hitzkopf wegen eines misslungenen Brückenbaus das Meer auspeitschen ließ.

In einer merkwürdigen Mischung aus Selbstmitleid und Resten eines höfischen Pflichtgefühls weist er das Volk zur Staatstrauer an. Dann ergänzt Ute Liepold in der Arena von Virunum bei Maria Saal den Zentralbegriff der Hybris stabreimartig um Hypo, Heta, Haider. So erscheint das von seinem politischen Führer in den Abgrund gestürzte Gemeinwesen auf einmal sehr einheimisch: "Die daran geglaubt haben, müssen daran glauben. Die nicht daran geglaubt haben, auch!" Und man könnte meinen, Aischylos habe seine große erste Tragödie nicht Die Perser genannt, sondern "Die Kärntner".

Bezüge zur Flüchtlingskrise

In den 90 Minuten davor müssen die bei der Flucht aus dem Kriegsgebiet teils ertrinkenden, teils erfrierenden oder verhungernden Perser in der eindrucksvollen antiken Kulisse auch an die aktuelle humanitäre Tragödie im Mittelmeer erinnern. Der Bote des Valentin Schreyer verschwindet nach seinem Bericht unter einer messingfarbenen Rettungsdecke. Aus den "Barbaren", als die Aischylos die Perser bezeichnet, werden "Ausländer". Das allerdings gibt die Tragödie nicht auch noch her. Umso weniger, als Schreyers Bote doch etwas mehr Betroffenheit spielt, als er auslöst. Und die Perser des Stücks sind eben im Grunde nicht flüchtige Zivilisten, sondern geschlagene, in alle Winde zerstreute Eroberungskrieger.

Spektakuläre Kulisse

Dafür ist Markus Achatz ein sich trotzig jedem Schuldgefühl verweigernder Xerxes. Katrin Ackerl Konstantin klammert sich als Königinmutter Atossa verzweifelt an jeden falschen Fingerzeig ihres Aberglaubens. Marcus Thill verleiht dem noch einmal dem Grab entsteigenden Königsvater Dareios die Würde einer höchsten Instanz. Und Eva Reinold spielt den ganzen Chor mit einer Einfühlung, die vom ersten Wort an unter die Haut geht.

Vollends zum Erlebnis wird die Produktion des Theaters Wolkenflug durch die spektakuläre Kulisse der Arena, in der das Publikum dort sitzt, wo vor 1800 Jahren die wilden Tiere eingelassen wurden, während die Darsteller auf zwei Schrägen im ehemaligen Zuschauerbereich agieren. Das ermöglicht prächtige Aufstellungen für die höchst wirkungsvollen Gesamtauftritte. Und das Kärntner Landesmuseum, das die antike Anlage so aufwendig rekonstruiert hat, darf sich endlich freuen, dass sie in diesem Sommer einer adäquaten öffentlichen Nutzung zugeführt wird. (Michael Cerha, 30.6.2016)

30. 6., 1. 7.

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wolkenflug.at

  • Die Schauspieler Katrin Ackerl Konstantin, Marcus Thill, Eva Reinold, Valentin Schreyer und Markus Achatz
    foto: kandler/wolkenflug

    Die Schauspieler Katrin Ackerl Konstantin, Marcus Thill, Eva Reinold, Valentin Schreyer und Markus Achatz

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