Zinsen auf 5.000-Jahre-Tief

29. Juni 2016, 15:52
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Der Brexit, wirtschaftliche Fragezeichen und eine fragwürdige Geldpolitik lassen Anleger in Gold flüchten. Der Preis soll weiter anziehen

Wien – Gold steht bei Anlegern so hoch im Kurs wie lange nicht mehr: Das Edelmetall, in das Investoren in unsicheren Zeiten flüchten, verteuerte sich am sogenannten schwarzen Freitag vor knapp einer Woche nach dem Votum für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zeitweise um mehr als acht Prozent auf 1358,20 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Zuletzt hatte Gold während der Finanzkrise 2008 so massiv zugelegt, ein (nominelles) Allzeithoch erreichte es 2011. Zwar setzte bis 2013 eine deutliche Korrektur ein, im ersten Quartal 2016 legte das Edelmetall auf US-Dollar-Basis nun die beste Performance der letzten 30 Jahre hin.

foto: standard/federal reserve st. louis, incrementum ag

Die US-Wirtschaft schwächelt, europäische Staaten sitzen auf einem Schuldenberg – das Niveau liegt mittlerweile im Schnitt um 40 Prozent höher als 2007 – und da kommt der "Brexit den Notenbankern als willkommene Begründung für eine Absage an davor noch angedeutete Zinserhöhungen", so Ronald-Peter Stöfele, der gemeinsam mit Mark Valek den Goldreport 2016 verfasst hat. Verunsicherung beherrscht den Markt. Hatte der Glaube an eine Genesung der US-Wirtschaft ein Erstarken des Dollars bewirkt und 2015 am Preis des Edelmetalls gekratzt, so spielt heute der unbedingte Wille zur Inflationierung – und sei es mit Brachialgewalt – seitens der Zentralbanken den Anlegern in Gold in die Hände.

Künstliche Geldschöpfung

Auch das Vertrauen in geldpolitische Maßnahmen sinkt, der Goldpreis wird mittel- und langfristig von ebendieser Geldpolitik – Stichwort Helikoptergeld – bestimmt. Das Quanitive-Easing-(QE-)Programm der Notenbanken ist immens. "Wird das europäische QE-Programm wie geplant in derzeitiger Höhe von monatlichen 80 Milliarden Euro fortgesetzt und addiert man das Programm der japanischen Notenbank hinzu, würden EZB und BoJ zusammen in dreißig Tagen den unglaublichen Gegenwert einer Jahresproduktion Gold drucken", rechnen die Fondsmanager bei der Liechtensteiner Investmentgesellschaft Incrementum vor.

foto: apa/robert jäger

Doch die Geldschwemme habe nur einen schmerzlindernden Effekt und keine heilende Wirkung. "Auf die Spitze getrieben wird das Ganze, indem man versucht, mithilfe von Negativzinsen weitere Stimuli zu setzen." Die negativen Realzinsen seien das perfekte Fundament für einen glänzenden Goldpreis. Hatte vor zwei Jahren noch niemand auch nur daran zu denken gewagt, so werden heute Null- oder Minuszinspolitik als nahezu selbstverständlich hingenommen. "Die Zinsen waren seit 5.000 Jahren nicht so tief wie heute", sagt Valek mit dem Nebensatz, es gebe entsprechende Funde archäologischer Aufzeichnungen aus der Zeit um 3000 v. Chr. "Wir wissen, wie Notenbanker und Politiker reagieren werden, wenn sich das böse R-Wort ankündigt – sie werden natürlich nicht tatenlos zusehen."

Minenwerte im Fokus

Ein probates Mittel, das gewünschte Wirtschaftswachstum zu erreichen, waren Negativzinsen bislang nicht. So wird auch das Thema Bargeldabschaffung immer wieder diskutiert, um hierbei mehr Spielraum zu erlangen. Doch ein mittelfristiges Verbot schließen die beiden Studienautoren aus: "Ohne Bargeld lassen sich negative Zinsen wesentlich besser implementieren." Den Goldpreis sehen die Analysten bis Juni 2018 bei 2.300 Dollar. Für Privatanleger seien aber nicht nur Investments in physisches Gold, sondern auch Goldminenwerte interessant. Nach einer vierjährigen Rosskur, in der sie eine bereinigende Krise durchlaufen haben – zahlreiche Explorations- und Entwicklungsprojekte wurden veräußert oder auf Eis gelegt, die Produktion hin zur Effektivität gekürzt – haben viele der Unternehmen, die überlebt haben, heute attraktive Portfolioeigenschaften: So stehen Mining-Titel langfristig in inverser Korrelation mit dem breiten Aktienmarkt. Allerdings, auch das sei gesagt, muss man bereit sein, einen wilden Ritt an Volatilitäten von bis zu möglicherweise 85 Prozent auszuhalten. (Sigrid Schamall, 30.6.2016)

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