Niedrige Zinsen und fallendes Pfund als Chance für London

29. Juni 2016, 07:39
40 Postings

Widersprüchliche Entwicklungen seit Referendum

Horrende Kursverluste an der Londoner Börse. Zunehmende Unsicherheit, wie es für die Unternehmen weitergeht. Der Verlust der Top-Bonitätsnote bei gleich zwei Ratingagenturen. Seit dem Brexit-Referendum jagt eine Horrormeldung die andere. Für Großbritanniens Wirtschaft scheinen sich die Aussichten seit vergangener Woche rapide verdunkelt zu haben.

Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die aktuellen Entwicklungen nicht nur schlecht sind für die Briten.

So hat der Sieg des Brexit-Lagers dafür gesorgt, dass die Zinslast für den britischen Staat gesunken ist. Durch das Referendum haben viele Investoren mit Kursstürzen an der Börse gerechnet und Aktien vorsorglich verkauft. Allerdings wollten die Anleger Großbritannien und dem Pfund nicht den Rücken kehren. So haben sich viele von ihnen dafür entschieden, die als besonders sicher geltenden britischen Staatsanleihen zu erwerben. Die gestiegene Nachfrage hat dafür gesorgt, dass die Verzinsung der Staatsanleihen, die Rendite, deutlich gefallen ist. Für den britischen Finanzminister George Osborne wird die Schuldenaufnahme damit billiger, was auch einen Einfluss auf die Höhe des geplanten Sparpaketes haben könnte.

Rendite britischer Staatsanleihen am Boden

Selbst der Entzug der Top-Bonitätsnote für das Vereinigte Königreich durch die Ratingagenturen Fitch und Standard & Poor's hat daran nichts geändert. Üblicherweise steigen die Zinsaufschläge, wenn die Ratingagenturen ein Land abstrafen. Doch die Rendite zehnjähriger britischer Staatsanleihen lag Dienstagnachmittag nahe am historischen Tiefstand von 0,98 Prozent.

Auch die starke Abwertung des Pfunds ist eine gute Nachricht für viele britische Unternehmen. Die britische Währung hat seit vergangener Woche mehr als zehn Prozent an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren. Doch damit verbilligen sich Ausfuhren britischer Unternehmen ins Ausland.

Schwaches Pfund verteuert Importe

Das schwache Pfund verteuert dafür Importe, etwa von Rohöl. Das könnte die Inflation in Großbritannien etwas anheizen. Aber aktuell steht die Wirtschaftswelt kopf – und die Aussicht auf eine höhere Inflationsrate dürfte die britische Notenbank daher erfreuen. Zuletzt lag die Teuerungsrate im Land nahe der Nulllinie und damit deutlich unter dem Zielwert der Bank of England.

Das aktuelle Bild der Wirtschaftslage in Großbritannien ist daher gemischt, ja widersprüchlich, sagt Lydia Kranner, Analystin bei der Raiffeisen Bank International. Sicher ist bloß, dass die Ungewissheit enorm zugenommen hat, sagte Kranner. (András Szigetvari, 29.6.2016)

Share if you care.