Bachmannpreis: Ein 40er ganz ohne Krise

29. Juni 2016, 09:00
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Die Tage der deutschsprachigen Literatur feiern von Mittwoch bis Sonntag Doppeljubiläum, die geladenen Lesegäste sind so international wie noch nie

Wien – "Ich hasse zuhören. Es ist so anstrengend", beobachtete Stefanie Sargnagel die Tage der deutschsprachigen Literatur (TddL) im Vorjahr von außen. Heuer muss sie nicht zuhören, sondern darf lesen. "Killing the game already", hat sie deshalb nach Bekanntgabe des Starterfeldes gepostet. Sogar der Spiegel hatte online mit der einzigen Österreicherin im Bewerb getitelt.

Das hat etwa den Grund, dass die Veranstaltung diesmal im Vorfeld für keinerlei Schlagzeilen sorgte: keine Abschaffungsdebatte, keine Überarbeitung der Regeln. Alles schon in den Vorjahren abgehakt und erledigt. Nicht einmal ein kleiner Juryumbau stand auf dem Programm: Unter dem Vorsitz von Hubert Winkels (Die Zeit) richten wieder Hildegard Keller (Professorin in Bloomington, USA), Meike Feßmann (freie Kritikerin), Sandra Kegel (FAZ), Stefan Gmünder (DER STANDARD), Klaus Kastberger (Franz-Nabl-Institut, Literaturhaus Graz) und Juri Steiner (unter anderem SRF).

Win-Win-Situation

Zumindest vor den Kulissen, die heuer, weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier und mit Projektionen bespielt, noch mehr einer Arena ähneln sollen, lenkt also nichts von den Autoren ab – ganz im Sinn des Anlasses.

"Der Öffentlichkeit zur Literatur und der Literatur zur Öffentlichkeit verhelfen", diese Beschreibung einer Win-win-Situation verdankt jener dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. 1976 war es, dass das ORF-Landesstudio Kärnten in Erinnerung an die drei Jahre zuvor verstorbene Namenspatronin erstmals den Preis auslobte. Seit 1977 wird er annuell vergeben. Bis 1986 war Reich-Ranicki hier Juror, auch vielen anderen großen oder in der Folge groß gewordenen Namen hat Klagenfurt seither ein Forum geboten: Gert Jonke, Sibylle Lewitscharoff, Uwe Tellkamp, um nur ein paar zu nennen.

Nonchalance statt Aufsehen

Kleine Störelemente (zum Beispiel Rainald Goetz' Rasierklinge, Urs Allemanns Babyficker-Text) hatten dabei immer wieder Tradition. Zuletzt hingegen pflegten Teilnehmer (zum Beispiel Tex Rubinowitz, Ronja von Rönne) als höchstes der Gefühle den konventionellen Literaturbetrieb mit einer gewissen Nonchalance zu betrachten.

Der Vorwurf, der Bewerb werde zahm, ist zu seiner 40. Austragung und zugleich dem 90. Geburtstag der Bachmann, was eine Vielzahl von Nebenveranstaltungen mit sich bringt, folglich schon lang nicht mehr neu. "Man hat ja sonst nicht mehr viel, auf das man sich freuen kann", beschwor die jüngste Welt am Sonntag deshalb im stimmungstechnisch "aufgeputschten" Österreich einen Bachmannpreis-"Eklat" der Identitären, die diesen Preis "natürlich hassen".

Schlupfwinkel mit Weltzugang

Trotz allen Belächelns dieses Eventchens, das sich als "Leistungsschau" der Literatur gern auch ein bisschen bedeutender machen lässt, als es literarisch besehen ist, können die dreieinhalb Lesetage nach wie vor mehr sein als ein seliger Schlupfwinkel, in dem sich Kritiker, Verlage, Medien und Publikum bei Seekulisse einfinden.

Waren es in den letzten Jahren vor allem zeithistorische Geschichten aus dem Osten des Kontinents, die sich als den Blick für wenig Bewusstes bis Unbekanntes öffnende Tendenz abzeichneten, gibt sich das Teilnehmerfeld heuer so vielfältig wie noch nie. Aus acht Nationen kommen die 14 Anwärter auf die am Sonntag zu vergebenden vier Preise im Gesamtwert von 49.500 Euro.

Neben eingangs genannter Wienerin treten ab Donnerstag sieben Autoren aus Deutschland (Ada Dorian, Isabelle Lehn, Sascha Macht, Jan Snela, Bastian Schneider, Astrid Sozio und Julia Wolf), einer aus der Schweiz (Dieter Zwicky) sowie je eine oder einer mit serbischen (Marko Dinić), israelischen (Tomer Gardi), türkischen (Selim Özdogan), französischen (Sylvie Schenk) und britischen (Sharon Dodua Otoo) Wurzeln beziehungsweise Staatsangehörigkeit an.

Eröffnung mit Burkhard Spinnen

Los geht es Mittwochabend allerdings erst einmal mit dem ehemaligen Juror und Juryvorsitzenden Burkhard Spinnen, der zur Eröffnung die unter dem Titel Grand Tour durch das Nähkästchen eines Veteranen oder: 15 Mal Bachmann-Preis stehende Klagenfurter Rede zur Literatur halten wird. Im Anschluss wird die Startreihenfolge ausgelost. (Michael Wurmitzer, 29.6.2016)

  • Der Deutsche Bastian Schneider lebt in Köln und Wien, wo er Sprachkunst studiert hat. Erst im Frühjahr hat er sein viel gelobtes Prosadebüt "Vom Winterschlaf der Zugvögel" vorgelegt.
    pierre horn

    Der Deutsche Bastian Schneider lebt in Köln und Wien, wo er Sprachkunst studiert hat. Erst im Frühjahr hat er sein viel gelobtes Prosadebüt "Vom Winterschlaf der Zugvögel" vorgelegt.

  • Stefanie Sargnagel ist die einzige Teilnehmerin mit österreichischem Pass.
    apa

    Stefanie Sargnagel ist die einzige Teilnehmerin mit österreichischem Pass.

  • Marko Dinić, in Wien geboren, lebt in Salzburg, hat aber einen serbischen Pass.
    foto: apa

    Marko Dinić, in Wien geboren, lebt in Salzburg, hat aber einen serbischen Pass.

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