Sich trollen

Kolumne28. Juni 2016, 17:12
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Island, so dachte man sich die Sache in England, ist ja eine Zwergnation. Grad einmal 330.000 Einwohner, ein Volk so groß wie Leicester. Geht also raus – so wird Roy Hodgson das in der Kabine den Seinen erläutert haben – und spielt euer Spiel auf der eh schon gemähten Wiese. Genau das taten sie ja dann auch.

Der fundamentale Fehler der Engländer war es, Island nur anhand seiner Menschenähnlichen – von Halldórsson im Tor bis Sigthórsson vorm anderen – einzuschätzen. Dabei weiß jeder, dass das Humanoide auf dieser Insel am Ende der Welt nur einen Aspekt darstellt. Der andere ist das Huldufólk, das eher weniger aufdringliche – dafür sehr eindringliche – geheime Volk. Erla Stefánsdóttir, die im Herbst vergangenen Jahres verstorbene Elfenbeauftragte der Insel, wusste viel Diesbezügliches. Hinter jedem zweiten Felsen – und wer hat sie gezählt, die isländischen Felsen – hausen Elfen, rund um die Geysire unzählige Trolle.

Ein paar der Trolle – Elfen haben bekanntlich mit Fußball eher nichts am Hut – haben der auch einschlägig bewanderte Lars Lagerbäck und sein Compagnon Heimir Hallgrímsson mitgenommen nach Frankreich. Wie sonst wäre das 2:1 zu erklären? Wer sonst hätte dem Ragnar Sigurdsson und dem Kolbeinn Sigthórsson bei ihren Toren den Ball herbeigetragen und beim zweiten den Joe Hart zum Inbegriff – oder zur Ausgeburt – von Joe Hart verwandelt?

Die meisten Trolle schickte man freilich zuvor schon nach England und Wales, wo sie taten, was sie sonst gerne auch im Standard-Forum tun: trollen. Einer etwa tat das launig unterm Nickname Nigel Farage, einer vollmundig als Boris Johnson. Und jetzt gilt es halt, mannhaft sich zu trollen. Da wie dort. (Wolfgang Weisgram, 28.6.2016)

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    foto: ap/sanford
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