Burgenländische Software für das Cern

1. Juli 2016, 15:16
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Bis 2018 soll entschieden sein, wie es am Kernforschungszentrum in Genf weitergeht

Mit dem experimentellen Nachweis des Higgs-Teilchens 2012 hat das Kernforschungszentrum Cern mit Sitz in Genf nicht nur den Vordenkern des Teilchens Peter Higgs und François Englert den Weg zum Nobelpreis geebnet, sondern auch das wichtigste bis dahin fehlende Puzzlestück der Teilchenphysik gefunden. Um fundamentalen Fragen wie "Warum haben Teilchen Masse?" oder "Wie hat alles angefangen?" zu beantworten, wird am Cern eine Methode bemüht, die im Prinzip einfach klingt: Teilchen beschleunigen, zusammenknallen lassen und die Kollisionsprodukte analysieren.

In der Praxis ist das freilich nicht so simpel und das Gelingen der Experimente am Cern ist einer beispiellosen internationalen Zusammenarbeit von über 100 Nationen und tausenden Institutionen geschuldet. Auch 200 private Unternehmen sind beteiligt. Eines davon ist die Siemens-Tochter ETM mit Sitz in Eisenstadt, die ihren Kunden vergangene Woche bei einer Studienreise nach Genf zeigte, welchen Beitrag sie zum größten Forschungszentrum der Teilchenphysik leistet.

Als das Software-Unternehmen 1985 gegründet wurde, war es ein Ein-Mann-Betrieb, heute zählt ETM knapp 150 Mitarbeiter. Die Kooperation mit dem Cern läuft seit 2000 und war richtungsweisend für das Unternehmen. Die von ETM entwickelte Software WinCC Open Architecture, die für die Überwachung und Steuerung von Infrastruktur eingesetzt werden kann, kommt zwar auch in der New Yorker U-Bahn oder dem kürzlich eröffneten Gotthard-Basistunnel in der Schweiz zum Einsatz, doch das Cern ist der wichtigste Partner, von dem wesentliche Anstöße zur Weiterentwicklung der WinCC-Software ausgingen, etwa im Umgang mit Big Data.

Zentrale Schaltstelle

Die WinCC-Software funktioniert wie eine leere Maske, die vom Kunden entsprechend seinen Bedürfnisse konfiguriert werden kann. ETM-Geschäftsführer Bernhard Reichl vergleicht sie mit einer Excel-Tabelle, die mit Inhalten gefüllt werden kann. Am Cern kommt WinCC an einer der vier Inseln im Control-Center zum Einsatz – der zentralen Schaltstelle, von der aus der Teilchenbeschleuniger 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche überwacht wird.

WinCC dient als Detektorsteuerungssystem für den großen Ringbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC), um technische Prozesse für die Experimente zu steuern und zu visualisieren. Warum das Cern WinCC Open Architecture unter 100 Softwares auswählte, liegt unter anderem an der flexiblen Skalierbarkeit des Systems, der offenen Architektur, der Möglichkeit von Fernzugriff und daran, dass es sowohl mit Windows wie auch mit Linux betrieben werden kann – am Cern, wo beide Systeme verwendet werden, eine notwendige Voraussetzung.

Auch die Zukunft der Teilchenphysik wurde bei der ETM-Reise diskutiert. Am Cern wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer größere Ringbeschleuniger gebaut. Der aktuell im Betrieb befindliche LHC hat eine Länge von 27 Kilometern. Offen ist nun, ob nach dem LHC ein weiterer, noch größerer ringförmiger Beschleuniger gebaut werden soll oder ob man auf eine andere Beschleunigerarchitektur zurückgreifen soll, bei der die Teilchen entlang einer geraden Strecke beschleunigt werden – ein sogenannter Linearbeschleuniger. "Die Welt braucht einen Linearbeschleuniger", steht jedenfalls für Peter Sollander, Leiter der Industrial Controls and Safety Systems Group am Cern, fest. Unklar ist allerdings, ob dieser in Japan oder eben bei Genf gebaut werden soll. Falls die Wahl auf Japan fällt, könnte am Cern ein weiterer Ringbeschleuniger gebaut werden – 100 Kilometer lang. "Das ist das Maximum, das wir hier zwischen den Bergen unterbringen", sagte Sollander. Eine Entscheidung soll bis 2018 fallen. Und bis 2038 ist der LHC ohnehin noch planmäßig in Betrieb. (Tanja Traxler, 1.7.2016)


Die Reise erfolgte auf Einladung von ETM.

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