Wolfgang Koeppen: Auf verschlungenen genetischen Pfaden

28. Juni 2016, 16:39
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Das Spätwerk des Autors, der Roman "Jugend", kann nun im Netz selbsttätig zusammengesetzt werden

Wien – "Meine Mutter fürchtete die Schlangen": Der Eröffnungssatz seines Spätwerks Jugend war für Wolfgang Koeppen (1906-1996) Fluch und Segen zugleich. Das Prosawerk Jugend hielt Koeppen bereits seit 1962 in Atem. Seine Nachkriegsromane Tauben im Gras, Das Treibhaus und Tod in Rom hatten den Autor schlagartig berühmt gemacht. Gegen die Vorgaben der verordneten "Kahlschlagliteratur" war hier ein modernistischer Sturkopf am Werk gewesen.

Unbekümmert verschmolz Koeppen Mittel der Moderne (Joyce, Dos Passos, Faulkner) mit solchen der Kolportage. Seine fiebrige Prosa griff weit aus ins Reich der Träume, sie nistete in den Köpfen der Figuren und zerbrach die Identität handelnder Personen. Gegen Koeppen nahmen sich die Bücher von Schnurre, Böll oder Siegfried Lenz trocken aus wie mürbes Brot. Dazu warf der Einzelgänger Blicke hinein ins Getriebe der Macht: nach Bonn, wo unter Adenauer Teile der "alten" Eliten die Herrschaft über die BRD übernahmen.

"Meine Mutter fürchtete die Schlangen": Ab den 1960ern beflügelte Koeppens Ruf die Hoffnung auf neue, von ihm erst noch zu schreibende Romane. Marcel Reich-Ranicki legte sich für den notorischen Einzelgänger gehörig ins Zeug. Als Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld 1962 Koeppen unter Vertrag nimmt, beginnt sich ein Desaster abzuzeichnen.

Der Autor schreibt Reisereportagen für den Rundfunk. Der Druck, für sein Verlagshaus liefern zu müssen, setzt während vieler Jahre eine Tragödie mit komödienhaften Zügen in Gang. Wiederholt verspricht Koeppen die Fertigstellung umfangreicher Werke. Er nennt sogar Zeitpunkte, wann er die Arbeit am jeweiligen Buch zu beenden gedenke. Unseld hält liebevoll mahnend am schreibgehemmten Zugpferd fest. In Koeppens notorisch leere Taschen fließt eine Art festes Gehalt, auch Reich-Ranicki kümmert sich um finanzielle Zuwendungen.

Prosadokument eines Scheiterns

Das Zustandekommen von Jugend 1976 darf man unter den angedeuteten Bedingungen einen Triumph nennen. Als Band 7 der Werkausgabe nunmehr neu vorgelegt, wird der Roman der kompromisslosen Selbstvergewisserung erstmals zur Gänze deutlich.

"Meine Mutter fürchtete die Schlangen": Das erzählerische Ich durchmisst in atemlosen Satzkaskaden eine Kindheitslandschaft, die in der Gegend von Greifswald angesiedelt ist. Die Mutter ist Weißnäherin, der Vater abwesend. Zwischen pommerschen Rittergütern mit schönen Namen wie "Lössing oder Wunkenhagen" irrt ein Halbwüchsiger herum, der sich als "krankes Reis" einer beklemmend gewalttätigen Tradition empfindet. Das Kaiserreich taumelt in den Abgrund des Weltkrieges. Seine Sprösslinge werden in Erziehungsanstalten gesteckt. In ihnen treibt man den kleinen Untertanen die Empfindsamkeit mit roher Gewalt aus. Immer wieder bezieht sich der aus Greifswald gebürtige Koeppen auf Selbsterlebtes, ohne dass man deshalb schon von einem autobiografischen Text sprechen könnte. Die teils verblüffenden Sprünge in der Handlungsführung lassen den Unwillen erkennen, ein kohärentes "Ich" an die Stelle der Erzählinstanz zu setzen.

Es scheint, als ob Koeppen aus einer gewissen Verlegenheit heraus "modern" geworden wäre. Jugend ging als Konvolut aus einem Berg Manuskripte hervor. Auf Mahnungen des Verlegers folgten fieberhafte Überarbeitungsschritte. Das widerborstige Material ließ sich nur unter Anstrengungen vom Autor glätten. Herausgekommen ist ein faszinierend offenes Bekenntnisbuch, dessen zahllose Vorstufen nun im Netz begutachtet werden können.

Die "fahlfarbenen Ansichtspostkarten" einer Jugend um 1920 sind das Prosadokument eines Scheiterns, das man so vielen anderen Autoren wünschen möchte. Wer Sätze wie: "Gras krankte in salziger Lauge" zustande bringt, verdient jedes Interesse. Wärmstens zu empfehlen ist daher ein prosaischer Wanderweg auf verschlungenen genetischen Pfaden.(Ronald Pohl, 29.6.2016)

  • Der rätselhafte Wolfgang Koeppen, hier 1961.
    bpk berlin / timpe

    Der rätselhafte Wolfgang Koeppen, hier 1961.

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