Mutter am Limit: Wenn ein Goldhamster 16 Junge säugen muss

1. Juli 2016, 08:00
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Man kann gar nicht so viel fressen, wie man Milch geben möchte: Das trifft auf säugende Tiermütter zu

Wien – Säugende Tiermütter sind Stoiker: Während die Welpen, Ferkel, Kätzchen oder andere Jungtiere eifrigst einen Platz an einer Zitze zu ergattern versuchen, sieht die Mutter meist recht entspannt aus. Was man nicht sieht: Ihr Körper arbeitet auf Hochtouren, denn die Milchproduktion ist extrem energiezehrend. Erleichtert werden könnte die physiologische Plackerei möglicherweise durch Kälte.

Um die Milch für die Jungenaufzucht zu produzieren, müssen säugende Weibchen deutlich mehr Nahrung zu sich nehmen, als sie ausschließlich für den eigenen Stoffwechsel bräuchten. Deshalb ist während dieser Phase ihr Darm vergrößert, um das Mehr an Futter rasch verdauen zu können. Aber auch die anderen Organe arbeiten auf vollen Touren; deshalb steigt die Körpertemperatur. Irgendwann aber kommt der Punkt, an dem die Milchproduktion nicht mehr gesteigert werden kann, weil das Tier ganz einfach nicht so viel fressen kann, wie es dafür müsste. Im Spitzensport stellt sich oft dasselbe Problem: Es gibt einen Punkt, ab dem Athleten nicht mehr genug Kalorien zu sich nehmen können, wie sie für noch mehr Leistung brauchen würden.

"Laktierende Weibchen haben Stoffwechselraten, die teilweise höher sind als die der Teilnehmer an der Tour de France", erklärt Teresa Valencak vom Institut für Physiologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, das sich seit Jahren mit den physiologischen Limits von Säugern befasst. Derzeit arbeitet Valencak im Rahmen eines vom FWF finanzierten Projektes zum Syrischen Goldhamster (Mesocricetus auratus). Dieser ist nicht nur ein beliebtes Haustier, er wird auch gerne als Versuchstier herangezogen.

Nackt und blind geboren

Für Valencaks Untersuchungen eignet er sich besonders gut, denn er hat mit 16 bis 18 Tagen nicht nur die kürzeste Tragzeit aller Säugetiere, sondern produziert auch riesige Würfe – bis zu 16 Junge können es im Extremfall sein. Diese kommen nackt und blind mit nur zwei Gramm Gewicht zur Welt und leben die ersten zwei Wochen nur von Muttermilch.

Die Mütter kommen unter diesen Umständen ans Limit ihrer Leistungsfähigkeit – und zwar umso mehr, je größer die Kinder und damit ihr Nahrungsbedarf werden, bevor sie anfangen, feste Nahrung zu sich zu nehmen. "Labortiere wie der Hamster werden meistens bei 22 Grad gehalten", erzählt Valencak, "es gibt sogar Empfehlungen, sie noch wärmer, nämlich bei 30 Grad, zu halten. Andererseits weiß man aus US-amerikanischen Untersuchungen, dass Kühe, die auf extreme Milchproduktion gezüchtet sind, Hitze sehr schlecht vertragen." Ihre eigenen Forschungen an Mäusen würden nahelegen, dass die Umgebungstemperatur die Nahrungsaufnahme und damit die Leistungsfähigkeit der Muttertiere deutlich beeinflusst.

Um diese Hypothese weiter zu untersuchen, konfrontierten Valencak und ihre Doktorandin Sarah Ohrnberger Goldhamster-Mütter über längere Zeit mit verschiedenen Umgebungstemperaturen, mit fünf, 22 und 30 Grad. Alle drei Varianten bewegen sich innerhalb dessen, was die Art auch in freier Wildbahn aushalten muss: Goldhamster stammen ursprünglich von einem Bergplateau bei Aleppo in Syrien, wo sie großen Temperaturschwankungen ausgesetzt sind. Im Sommer kann es dort in der Nacht bis zu minus vier Grad und am Tag bis zu 35 Grad haben. Den Muttertieren wurde ein Transmitter implantiert, mit dem die Körpertemperatur überwacht wurde. Durch tägliches Wiegen der Jungen wurde ermittelt, wie viel Milch die Weibchen jeweils produzierten.

Es zeigte sich, dass die Mütter im Laufe der knapp zweiwöchigen Periode, in der die Jungen ausschließlich gesäugt werden, mehr fraßen. Und zwar umso mehr, je größer ihr Wurf war und je älter er wurde. Allerdings war dieser Anstieg am stärksten bei den Hamsterweibchen, die bei fünf Grad gehalten wurden. Bei 22 Grad fiel er geringer aus, und bei 30 Grad steigerte sich der Appetit der Weibchen während der ganzen Laktationsperiode gar nicht. Dementsprechend wuchsen die Jungen am besten bei der niedrigsten Temperatur, mittelprächtig bei 22 und am wenigsten bei 30 Grad.

Ausfälle möglich

Unabhängig von der Umgebungstemperatur kam es bei allen untersuchten Weibchen zu Ausfällen bei den Würfen. "Wir wissen nicht, ob die Mütter die Jungen getötet und gefressen haben oder ob sie von selbst gestorben sind und dann von der Mutter oder den Geschwistern gefressen wurden", so Sarah Ohrnberger, die bereits Tierärztin ist und im Rahmen des FWF-Projekts ihre Doktorarbeit macht. "Jedenfalls sind bei allen Würfen Junge verschwunden." Der Effekt ist jedoch auch hier am größten bei einer Umgebungstemperatur von 30 Grad: Hier verschwanden bis zu 80 Prozent der Jungen, und zwar vor allem zu jenem Zeitpunkt, als sie zehn Tage alt waren. "Zu dieser Zeit ist der Energiebedarf der Mütter am höchsten", führen Ohrnberger und Valencak aus, "daher gehen wir davon aus, dass diese lieber ihren Fortpflanzungserfolg reduzieren, als eine potenziell tödliche Überhitzung zu riskieren."

Diese Ergebnisse könnten von großem Interesse für die Haltung von Labortieren allgemein sein: Wie es aussieht, spricht einiges dagegen, es ihnen "schön warm" zu machen. (Susanne Strnadl, 1.7.2016)

  • Everybody's Darling ist der Syrische Goldhamster. Doch nicht nur Kinder schätzen ihn als Haustier, auch in der Forschung ist er beliebt: wie hier als Versuchstier im Labor.
    foto: sarah ohrnberger

    Everybody's Darling ist der Syrische Goldhamster. Doch nicht nur Kinder schätzen ihn als Haustier, auch in der Forschung ist er beliebt: wie hier als Versuchstier im Labor.

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