Sensation: Island wirft England im Achtelfinale aus dem Turnier

27. Juni 2016, 23:14
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Das kleine Island schafft die Sensation, besiegt das große Vorbild England überhaupt nicht unverdient. Im Viertelfinale wartet Frankreich

Nizza – Die Isländer sind "verrückt nach der Premier League". Um sich für das Achtelfinale gegen England die nötige Motivation zu holen, haben sie im Quartier in Annecy-Le-Vieux ein Motivationsplakat aufgehängt. Auf diesem jagt ein klitzekleiner Chihuahua ein tonnenschweres Nashorn. Es hängt übrigens schon seit Turnierbeginn an der Wand des Konferenzraums. "Das ist ein Symbol, wie weit dich großer Mut und große Einstellung bringen können", sagte Verteidiger Bjarnason. Österreich hat das beim 1:2 in der Gruppenphase zu spüren bekommen, allerdings sind Kollers Mannen auch nur ein kleines Hündchen gewesen. Trainer Heimir Halgrimsson, ein Zahnarzt, spekulierte mit der Sensation: "Wir wissen alles über unser großes Vorbild England, sie wissen aber nichts über uns."

Montagabend in Nizza. Es war der erste Auftritt der englischen Fußballnationalmannschaft nach dem Brexit. Ob zum Beispiel Wayne Rooney dafür oder dagegen war, konnte nicht geklärt werden, das fällt unter das Wahlgeheimnis. Island ist mit 330.000 Einwohnern das bevölkerungsmäßig kleinste Land, das je eine EURO beehrt hat. Andererseits ist es das einzige Land, das noch nie eine Partie bei der Endrunde verloren hat: zwei Remis, ein Sieg. Deutschland und Italien könnten vor Neid erblassen, allerdings sind die beiden keine Debütanten.

foto: apa/afp/bertrand langlois
Islands Aron Gunnarsson feiert mit den Fans.

England beschmutzte die weiße Weste früh. 4. Minute: Goalie Halldorsson foult den durchbrechenden Sterling, Kapitän Rooney verwandelt den Elfer staubtrocken zum 1:0. 6. Minute: Das Hündchen schlägt zurück. Die Engländer hätten das Video vom Österreich-Spiel studieren sollen. Weiter Outeinwurf, praktisch eine Flanke, Kopfballverlängerung, der aufgerückte Verteidiger Ragnar Sigurdsson erzielt aus kurzer Distanz das 1:1. England drängte, Island verteidigte und erzielte tatsächlich das 2:1. Sigthorsson vom FC Nantes zieht aus 15 Metern ab, Keeper Joe Hart patzt fürchterlich, es war sein persönlicher Brexit. 28. Minute: Spektakulärer Volley von Kane, Halldorsson reagiert prächtig, er ist genau das Gegenteil von Hart.

Planlose Engländer

Die Isländer kämpften, bissen, kratzten. Ihr Spiel wirkte trotzdem nie destruktiv, sie waren absolut gewillt, auch offensiv tätig zu werden, also schnell zu kontern. Die Engländer verkrampften, Teamchef Roy Hodgson reagierte, brachte zur zweiten Halbzeit Wilshere, Dier musste weichen. Islands Vorbilder hinterließen einen gehemmten, verunsicherten Eindruck, die Angst vor der Peinlichkeit und dem Versagen war offensichtlich. Das Hündchen hingegen wurde immer bissiger, jagte das fette Nashorn. 60. Minute: Sterling raus, Vardy von Meister Leicester City rein.

An der Planlosigkeit des Favoriten änderte sich nichts, keine Ballstafetten, kaum Druck, die Mauer hielt den müden Angriffen locker stand. Gegen Österreich war sie zumindest nach der Pause mehr gefordert, was aber völlig wurscht ist und nicht einmal für einen schwachen Trost reicht. Kapitän Gunnarsson vergab sogar die Cance aufs 3:1 (83.), die Engländer waren völlig von der Rolle, ergaben sich ihrem Schicksal, Vardy scheiterte in der Nachspielzeit.

foto: reuters/hermann
England am Boden.

Und so wurde die Sensation perfekt. Der Fußball bietet eben besondere Geschichten. Die Engländer schämten sich, die famosen Isländer jubelten ausgiebig. Sie bleiben bei Endrunden als einziges Land ungeschlagen. Am Sonntag machen sie im Viertelfinale von Saint-Denis gegen Gastgeber Frankreich weiter. Die Franzosen sind das nächste fette Nashorn, die Isländer werden sich das Plakat anschauen.

Roy Hodgson hat für das peinliche Achtelfinal-Aus die Verantwortung übernommen und unmittelbar nach der Niederlage seinen Abschied als Trainer der Three Lions verkündet. Sein Vertrag wäre allerdings ohnehin ausgelaufen. (red, hac, 27.6.2016)

EM-Achtelfinale, Montag

England – Island 1:2 (1:2)
Nizza, Stade de Nice, 33.900 Zuschauer, SR Damir Skomina (SLO)

Tore:
1:0 (4.) Rooney (Foulelfmeter)
1:1 (6.) R. Sigurdsson
1:2 (18.) Sigthorsson

England: Hart – Walker, Cahill, Smalling, Rose – Alli, Dier (46. Wilshere), Rooney (86. Rashford) – Sturridge, Kane, Sterling (60. Vardy)

Island: Halldorsson – Saevarsson, Arnason, R. Sigurdsson, Skulason – Gudmundsson, G. Sigurdsson, Gunnarsson, B. Bjarnason – Sigthorsson (77. E. Bjarnason), Bödvarsson (89. Traustason)

Gelbe Karten: Sturridge bzw. G. Sigurdsson, Gunnarsson

Nachlese

Live-Ticker zum Spiel

Stimmen

Roy Hodgson (Teamchef England): "Es tut mir leid, dass es so enden muss. Mein Vertrag hing von diesem Ergebnis ab. Es ist jetzt Zeit, einem talentierten jungen Trainer Platz zu machen. Es war eine schöne Zeit. Die Burschen haben getan, was sie konnten."

Ragnar Sigurdsson (Torschütze Island): "Wir hatten einen Plan und wollten gewinnen. Wir haben an uns geglaubt. Wie wir uns am Ende gefühlt haben? Wir haben die Sekunden gezählt. Dann der letzte Corner. Dann der Schlusspfiff. Das war der größte Augenblick in meiner ganzen Fußballkarriere. Das Ziel war, die Gruppenphase zu überstehen. Als wir dann England vor uns gesehen haben, haben wir darauf gehofft, eine Chance zu haben. Sie haben Spieler, die wir sonst im Fernsehen bewundern."

Birkir Bjarnason (Spieler Island): "Wir kennen unsere Mentalität und kennen die Mentalität der Engländer. Wir haben hart gearbeitet und wurden belohnt. Es ist wunderbar, Teil dieser tollen Geschichte zu sein. Wir haben uns bisher von Spiel zu Spiel verbessert. Wir haben gegen England gezeigt, wozu wir in der Lage sind. Wir haben England besiegt, wir können auch Frankreich schlagen."

  • Islands Elf liefert die Sensation gegen England.
    foto: apa/afp/anne-christine poujoulat

    Islands Elf liefert die Sensation gegen England.

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