Wissenschafter warnen vor australischem Immigrationsmodell

28. Juni 2016, 00:31
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Experten kritisieren die Missachtung medizinischer Standards und erheben erneut Foltervorwürfe

Sydney/Wien – Als der österreichische Außenminister Sebastian Kurz Anfang Juni vorschlug, Flüchtlinge auf einer Insel zu internieren und Teile der australischen Flüchtlingspolitik als Beispiel für die EU heranzuziehen, sorgte das nicht nur in Österreich für Erstaunen und Empörung. Für die Uno verstößt die Praxis gegen die Genfer Flüchtlingskonvention, Kritik an den Vorschlägen von Kurz kam sogar aus dem Vatikan, wo man das australische Modell als "menschenunwürdig" bezeichnete.

Kurz ließ sich nicht beirren und verwies darauf, dass vor den australischen Küsten angeblich keine Menschen mehr ertrinken würden: Die 2013 eingeführte Militäroperation "Souvereign Borders" würde dafür sorgen, dass die Menschen entweder ins Ursprungsland zurückgeschickt würden oder in den Erstaufnahmezentren auf den kleinen Pazifikinseln Manus (Papua-Neuguinea) oder Nauru interniert würden.

Kritikern droht das Gefängnis

Eine Sondernummer des Journal of Medical Ethics widmet sich globalen medizinethischen Fragen und warnt davor, das australischen Immigrationssystem zu übernehmen. Damit setzen sich womöglich einige Experten indirekt selbst einem gewissen Risiko aus: Laut dem "Border Force Act", der seit Juli 2015 gültig ist, dürfen ehemalige oder aktuelle "Vertrauenspersonen" (dazu gehören auch Ärzte und andere medizinische Fachkräfte vor Ort) nicht über die Zustände in den Lagern sprechen – andernfalls drohen bis zu zwei Jahre Haft.

Trotz oder wegen dieser mangelnden Transparenz gab es etliche Vorwürfe, dass in den Lagern gegen die UN-Folterkonvention verstoßen würde: Angeblich sei "Water-Boarding" – also das Simulieren von Ertrinken – ebenso Praxis wie Zwangsernährung, das Einsperren von Kindern oder das sogenannte "Zipping", bei dem die Opfer an Metallbetten gefesselt werden, die man dann in die Luft wirft, was beim Aufprall auf dem Boden zu schmerzhaften Verletzungen führen kann.

Staatlich sanktionierter Kindesmissbrauch

John-Paul Saggaran (University of South Wales in Sydney) und Deborah Zion (Centre for Cultural Diversity and Wellbeing in Victoria) schreiben in ihrem Beitrag, dass in den Anhaltelagern grundlegende medizinische Standards missachtet würden und viele Zustände dort von der Australien Medical Association als staatlich sanktionierter Kindesmissbrauch und Folter kritisiert würden.

Saggaran, Zion und ihre Kollegen wenden sich mit ihren Aufsätzen direkt an die Länder Europas, die mit der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert seien. Man rate entschieden davon ab, den gleichen Weg wie Australien zu gehen, da auf diese Weise die gleichen Fehler und das gleiche ungerechtfertigte Leid unvermeidlich seien. (Klaus Taschwer, 28. 6. 2016)

  • Vom Regen in die Traufe: ein Internierter im Lager auf der Insel Manus. Experten beklagen mangelnde Transparenz und Missbrauch.
    foto: afp

    Vom Regen in die Traufe: ein Internierter im Lager auf der Insel Manus. Experten beklagen mangelnde Transparenz und Missbrauch.

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