Türkisch-israelische Normalisierung: Ende der Selbstisolation

Kommentar27. Juni 2016, 18:05
posten

Einfach wird es für Erdogan und die von ihm dirigierte Regierung nicht, den türkischen Wählern den Ausgleich mit Israel zu verkaufen

Nach sechs Jahren Unterbrechung haben die Türkei und Israel ihre Beziehungen offiziell normalisiert. Eine gute Nachricht? Sicherlich. Doch wie bei allen Beziehungen, die aus purer Not geknüpft werden, wird man weder Enthusiasmus noch Ehrlichkeit erwarten können. Die gemeinsamen Interessen zwischen der autoritären national-islamischen Führung in Ankara und der rechtskonservativen Regierung in Jerusalem passen auf einen Notizzettel.

Vor der Machtübernahme des politischen Islam im Jahr 2002 unterhielt die Türkei mit Israel etwas, was beide Seiten eine "strategische Beziehung" nannten. Kein "Bündnis", aber ein bemerkenswertes Verhältnis, das auf der Zusammenarbeit der Geheimdienste beider Länder gründete. Ein Dutzend Verträge über Handel und Sicherheitspolitik wurden in den 1990er-Jahren geschlossen. Israelische Piloten durften den türkischen Luftraum zum Training benutzen, israelische Touristen spielten in Kasinos am türkischen Mittelmeer. Die Kasinos gibt es längst nicht mehr, strategisches Denken in Ankara vermisst man schon seit einigen Jahren.

Recht einfach wird es für Staatschef Tayyip Erdogan und die von ihm dirigierte Regierung nicht, den türkischen Wählern den Ausgleich mit Israel zu verkaufen, einem Land, das bisher dreimal die Woche als Völkermörder und Erzübel der Welt benannt wurde. Türkische Regierungspolitiker haben in den vergangenen Jahren keine Hemmungen gehabt, ihr antiisraelisches und im Innersten antisemitisches Denken laut kundzutun.

Der israelische Staat hat sich entschuldigt, heißt es jetzt in Ankara triumphierend – zum ersten Mal in der Geschichte und vor den Türken. Drei Jahre ist die in der Tat für unmöglich gehaltene Entschuldigung des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu wegen des Tods der neun türkischen Aktivisten auf dem Gaza-Hilfsschiff Mavi Marmara dabei schon alt. Doch so groß ist die Verzweiflung in Ankara über die selbstverschuldete außenpolitische Einsamkeit, dass jetzt rasch eine Einigung mit Israel hermusste. Russland stand als Nächstes auf der Liste. Dieses Mal war es Erdogan, der sich entschuldigte. Auch eine Premiere.

Ein Ende der Gaza-Blockade erreichte Ankara nicht. Die Zusicherungen an Israel, die Aktivitäten der Hamas in der Türkei einzuschränken, streitet die türkische Regierung jetzt schon ab. Halten wird die Normalisierung mit Israel wohl nur bis zum nächsten Bombardement im Gazastreifen. (Markus Bernath, 27.6.2016)

Share if you care.