Wo die Hunde tanzen, Teil 1

Glosse28. Juni 2016, 08:00
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Auf den Schwingen des Weißen Adlers

In meinem neuen Buch "Asphalt Hyänen" bespreche ich auch die Schnittstelle zwischen "gewöhnlichen" Verbrechen und Kriegsverbrechen. Einfach weil das kriminelle Personal sehr oft dasselbe ist. Und weil alle drei Balkan-Autokraten ihre eigenen Hunde des Krieges haben

Das serbische Paradebeispiel ist Željko Ražnatović "Arkan", der Mann beider Welten. Sein Steckbrief wird von der Weltgemeinschaft ausgestellt und gilt für alle Länder der Welt. Deswegen soll zuerst die Rede von "Slobos Jungs" sein, deren berühmtester "Arkan" ist. Aber auch Franjo Tuđman und Alija Izetbegović haben "ihre Jungs" für die "nassen Sachen". In Teil 2 – "Mit Rosenkranz und Krummschwert" – könnt ihr davon lesen.

Pilze nach dem Regen

Dass er für die Linksliberalen in Serbien als Faschist gilt, weiß Milošević. Dass er jedoch für viele Nationalisten nicht faschistisch genug ist, wird ihm erst 1991 klar, als plötzlich Parteiarmeen und Freiwilligengarden aus der Kloake des serbischen Ultranationalismus zu sprießen beginnen. Eine der bekanntesten heißt Srpska garda (Serbische Garde). Sie entsteht 1991 im Umfeld der Nationalisten-Ikone Vuk Drašković und seiner SPO (Srpski pokret obnove, Serbische Erneuerungsbewegung) – und wird von zwei Berufsverbrechern gegründet, finanziert und ausgerüstet.

Die serbischen Kumpel

Đorđe Božović (1955–1991), der wegen seiner Statur nach einem beliebten Bären aus dem Zoo von Beograd den Spitznamen "Giška" trägt, und Branimir Matić (1952–1991), genannt "Beli" (der Weiße), beschützen am 9. März 1991 Vuk Drašković während der legendären Demonstration gegen Milošević auf der Tribüne, und – viel wichtiger – sie organisieren tausende Demonstranten aus ihrem "beruflichen" Umfeld und aus den Reihen der Fußballhooligans.

Die beiden sind beste Freunde und Gangster der alten Schule. Ihr "Geschäft" sind internationaler Autodiebstahl, Autoschmuggel und der Handel mit Autoschrott im großen Stil. Beide gehören zu jenen Gangstern, die die Staatssicherheit in den 70er- und 80er-Jahren in den Westen exportiert, um die Kriminalstatistik des Klassenfeindes in die Höhe zu treiben. Als Giška und Beli jedoch in den Drogenhandel im Inland einsteigen, endet die Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit. Kurze Zeit später entdecken die beiden all das viele Serbentum, das in ihnen steckt – und gründen und bewaffnen die antikommunistische, nationalistische Srpska garda. Die etwas mehr als 2.000 Gardisten sind zum Großteil Kleinkriminelle und Hooligans, die bei Eintritt in die Garde praktischerweise auch Mitglieder der SPO von Vuk Drašković werden.

Dumm gelaufen

Schon bei einem ihrer ersten Einsätze im Sommer 1991 wird die Garde von kroatischen Einheiten in der Krajina bei Gospić nahe Knin nicht nur aufgerieben, sondern verliert auch ihren "General" und Begründer Djordje Božović "Giška". Allerdings stirbt Božović nicht durch kroatische Kugeln – die Kugeln mit seinem Namen kommen von hinten angeflogen, aus den eigenen Reihen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist es ein Unfall durch "friendly fire", weil die Gardisten nur ein militärisch wertloser Haufen bewaffneter Vollidioten sind. Oder es ist, wie seine Freunde behaupten, eine Maßarbeit der Staatssicherheit.

Nur kurze Zeit später, im August 1991, wird jedenfalls auch Branimir Matić "Beli" erschossen. Allerdings nicht im Kampf, sondern mitten in Beograd, als ihm mehrere bis heute unbekannte Schützen aus automatischen Waffen dutzende Kugeln in den Leib pumpen. Dieser Mord ist mit Sicherheit das Werk des Geheimdiensts.

Milošević ist aus seiner Überraschungsstarre nach der Demo des 9. März 1991 aufgewacht. Er begreift, dass er keine bewaffneten Formationen dulden kann, die nicht seiner Kontrolle unterliegen. Nicht lange nach dem Tod von Giška und Beli kontrolliert der Geheimdienst die Srpska garda. Doch Slobo denkt weiter.

Spielzeugmörder

Milošević beauftragt den Geheimdienst mit der Aufstellung einer militärisch bewaffneten Einheit, die nur dem Geheimdienst – also Slobo – unterstellt ist. Seine Vollendung findet dieser Plan in der Idee, dass der Geheimdienst selbst zahlreiche andere Einheiten nach dem Muster der Spska garda gründet und heimlich lenkt. Als "Kommandanten" und Kader werden bewusst Kriminelle installiert, die jedoch im Hintergrund von einem Offizier des Geheimdiensts befehligt werden.

Aus mehreren dieser Formationen entsteht später die berüchtigte JSO-Einheit des Innenministeriums, die 2003 zusammen mit dem Klan von Zemun den Regierungschef Serbiens, Zoran Đinđić, ermordet.

Die Bestien

Die bekanntesten dieser Freiwilligen-Marionetten sind die "Beli orlovi" (Weiße Adler, nach dem Wappentier Serbiens). Sie sind die Parteiarmee von Vojislav Šešelj, weswegen sie auch oft "šešeljevci" genannt werden. Seine Partei, die Srpska radikalna stranka (Serbische Radikale Partei), unterstützt lange Zeit Milošević, und die Weißen Adler werden vom Geheimdienst bewaffnet, ausgebildet und kontrolliert. Für die Kriegsverbrechen der Beli orlovi wird Šešelj 2003 zum Gast in Den Haag, wohin er sich kurz vor der Ermordung von Ministerpräsident Đinđić freiwillig begibt. Gegenwärtig erwartet er das Verdikt in Freiheit in Serbien.

Eine andere Formation von Kriminellen und Turboserben sind die "Panteri" (Panther) von Ljubiša Savić "Mauzer" (Mauser, gemeint ist die Pistole). Die Panteri – eigentlich überflüssig zu sagen – sind hauptsächlich Kriminelle aus dem Umfeld ihrer "Kommandanten", begehen zahlreiche Kriegsverbrechen, werden für ethnische Säuberungen eingesetzt und dürfen alles plündern, was sie zuvor nicht verwüsten, anzünden oder sprengen. "Mauzer" wird 2000 von jüngeren Gangstern aus Bosnien auf offener Straße in Bjeljina aus automatischen Waffen mit Blei vollgespritzt.

Videothek des Grauens

Ein VHS-Video wird 2005 zum Beweisstück in Den Haag. Es zeigt die "Škorpioni" (Skorpione) von Slobodan Medić "Boca" (Koseform von Slobodan) bei der Arbeit, gedreht 1995 von den Skorpionen selbst. Zu sehen ist, wie die Škorpioni sechs gefesselte, wehrlose muslimische Männer aus Srebrenica in Trnovo nahe Sarajevo aus einem Lkw laden und anschließend – einen nach dem anderen – mit Dauerfeuer aus Sturmgewehren zerfetzen. Es mutet irrwitzig an, dass dieses Video jahrelang im serbischen Städtchen Šid in einer Videothek ausgeliehen werden kann, bevor es 2005 in Haag landet.

All diese Jahre, während das Video öffentlich von Hand zu Hand geht, leben die Täter, die darauf zu sehen sind, friedlich in Šid, gelten als Helden, niemand zeigt sie an. Slobodan Medić "Boca" stirbt 2013 in Haft.

Die Schattenarmee

Mit dieser Gründungswelle von paramilitärischen, turboserbisch aufgeladenen Haufen aus Kriminellen, Hools und gewöhnlichen Idioten erlangt Milošević am Anfang der 90er-Jahre auch die Kontrolle über buchstäblich jeden ultranationalistischen Kretin, der eine Waffe in die Hand nehmen will. Nun bestimmt allein Slobo, in welche Richtung diese Armee der Schatten die Läufe ihrer Kalaschnikows richtet. Und wann sie abdrückt.

Was Milošević noch braucht, ist ein Krieg, der die Opposition zum Schweigen bringt und ihn zum regionalen Machthaber machen soll. Aber die "kleinen Leute" lassen sich nicht so einfach aufhetzen. Auftritt Željko Ražnatović "Arkan".

Die Tiger kommen

Entlang der Sava in der Posavina und in Ostslavonien mit der architektonischen Perle Vukovar in ihrer Mitte operiert der Beograder Berufskriminelle Željko Ražnatović "Arkan" mit seiner "Srpska dobrovoljačka garda" (Serbische Freiwilligengarde), besser bekannt als "Arkanovi tigrovi" (Arkans Tiger). Früher nennt man ihn den "Räuber mit der Rose" und noch früher "Hibrid".

Aber im Winter 1991 ist Ražnatović unter seinem endgültigen Markennamen "Arkan" bekannt, den er 2000 zusammen mit einer Kugel im Kopf ins Grab mitnehmen wird.

Eine kurze Rückblende ins Jahr 1983 ist vonnöten.

Damals kehrt Željko Ražnatović "Arkan" nach Beograd zurück, um mit dem im Westen zusammengeraubten Geld in Serbien ein Geschäftsmann zu werden. Seine Tage als der "Räuber mit der Rose" sind vorbei, der gelernte Zuckerbäcker eröffnet eine Konditorei. Aber Arkan ist kein gewöhnlicher Krimineller, der bloß heimkehrt. Er hat nicht nur eine Akte bei jeder Polizeibehörde Europas und Jugoslawiens, er hat auch eine Akte im Jugoslawischen Geheimdienst als eine Art freischaffender Mitarbeiter. Was genau er "im Westen" für die Staatssicherheit macht, ist bis heute unbekannt. Aber nach seiner späteren "Karriere" zu urteilen dürften auch "wet jobs" dabei sein.

Nun, da Jugoslawien krümelt, verstummt auch der Kriminaltango im Westen, und der neue Dirigent Slobodan Milošević betritt mit einem ordinären Turbofolk-Tusch die Balkanbühne. Wie jeder andere Diktator im Aufbruch festigt er 1987 bis 1989 seine Macht bei Massenkundgebungen. Dazu werden Massen aus der Provinz nach Beograd gekarrt, wo dann die Kundgebung so stattfindet, dass Slobo zu einem Menschenmeer spricht. Die Szenen erinnern zu Recht an den böhmischen Gefreiten Hitler. Man verteilt sogar Brot und Joghurt, weswegen diese Kundgebungen als "Joghurt-Revolution" (jogurt-revolucija) in die Geschichte eingehen. Slobo und die Seinen nennen es "Meetings der Wahrheit" (mitinzi istine). Doch es gibt noch andere Massenveranstaltungen, die weder Slobo noch die Opposition kontrollieren. Es sind die Fußballspiele.

"Meetings der Wahrheit"

Dazu musst du wissen, dass eine der Grotesken der serbischen Nacht, deren Dämmerung am Ende der 80er-Jahre anbricht, die Politisierung der Fußballanhänger ist. Besser gesagt handelt es sich um eine Pseudopolitisierung. Besonders der serbische Ultranationalismus im Gemenge mit einer kruden fundamentalen Auslegung der serbischen Orthodoxie (Parolen wie "Serbien bis Tokio!", "Schwule ins Gas!" et cetera) fasziniert die Hardcore-Fußballhooligans, die damals in Klans organisiert sind, zigtausende zählen und deren "Anführer" später Arkans Kommandanten und Soldaten werden. Diese Masse primitiv-politisierter Gewalttäter will das Regime unter seine Kontrolle bringen, um eine schnell aktivierbare und verfügbare Masse für die "Meetings der Wahrheit" zu haben – schneller verfügbar als die Massen aus der Provinz, die erst mit Autobussen herangekarrt werden müssen.

Die andere Aufgabe der Fußballpatrioten soll sein, bei ähnlichen Veranstaltungen oder gar Demonstrationen der Opposition als Schlägertrupp zu fungieren und die Regimegegner von der Straße zu treiben. Für diese Aufgabe benötigt der Geheimdienst einen Mann beider Welten, jemanden, der unter den Fußballhools ein Standing als harter Hund vom Asphalt hat und dem der Geheimdienst Vertrauen und Mittel schenken kann. Dieser Mann ist Željko Ražnatović "Arkan". Der Geheimdienst beauftragt ihn 1989, "Ordnung bei den Fußballanhängern zu machen".

Und schon 1990 macht Milošević Arkan noch eine Kombination aus Geschenk und Auftrag: die Serbische Freiwilligengarde, Arkans Tiger. Der Geheimdienst organisiert die militärische Ausrüstung und Logistik, Arkan sorgt für "freiwillige Spenden" anderer "biznismeni", die "überredet" werden, ihren Patriotismus zu zeigen, indem sie Arkans scheinbare Privatarmee mitfinanzieren. Selbstverständlich bleibt ein satter Batzen dieses Geldes in den Taschen von Arkan, während der Rest durch die Hierarchie des Geheimdiensts hinaufgereicht wird und zur Deckung eines Teils der Kosten für die Garde dient. Außerdem bemannt Arkan die Garde mit seinen kriminellen Geschäftsfreunden und schießwütigen Hooligans aus den Reihen der "Delije", des Fanklubs von Roter Stern Belgrad. Der große Rest des Geldes kommt direkt vom Regime. Der Geheimdienst kontrolliert auch die Zollbehörde und besorgt durch Kontrabanda-Geschäfte die Finanzierung aller Pläne des Diktators. So auch die Entstehung der "Arkanovi Tigrovi".

Nur räudige Katzen

Die gemeinsame Charakteristik dieser und aller anderen "Freiwilligengarden" unter Kontrolle des Geheimdiensts ist ihre militärische Wertlosigkeit. Der propagandistische Effekt hingegen ist enorm. Arkan gibt Interviews, besonders gerne ausländischen Reportern. Hier erzählt er in gutem Englisch, er sei nur ein Patriot und Privatunternehmer, der einen Teil seines Geldes und seiner Zeit der serbischen Sache widmet und dabei sogar sein Leben riskiert. Allenthalben sieht man im Fernsehen, wie orthodoxe Popen serbische Helden und ihre Waffen segnen und lokale Warlords radebrechend von Pflicht, Ehre und Gott grunzen.

Das Schema ihrer "Einsätze" ist jedoch immer dieselbe blutige Routine: Nachdem echte Soldaten den militärischen Widerstand brechen, werden die "Freiwilligen" von der Kette gelassen. Sie fegen die Reste von Widerstand hinweg und fallen über die Zivilisten her. Bevor die Plünderung beginnt, wird fast jede Frau und jedes Mädchen gruppenvergewaltigt, es wird stundenlang gefoltert, erniedrigt, verstümmelt, langsam oder schnell ermordet, bis niemand mehr zum Vergewaltigen, Foltern und Töten da ist; nicht einmal Kühe, Ziegen, Schweine und Kinder. Bald genügt das absichtlich gestreute Gerücht, Arkan, Mauzer, Kapetan Dragan oder ein anderer serbischer "Held" sei im Anmarsch, um ganze Kleinstädte zur Flucht zu veranlassen.

Und über allem und alles durchdringend schwebt die Fresse von Slobodan Milošević. Väterlich nickend, winkend, in eine helle serbische Zukunft starrend. Während in Wahrheit die lange serbische Nacht gerade erst beginnt.

ENDE TEIL 1 (Bogumil Balkansky, 28.6.2016)

  • Željko Ražnatović "Arkan" und seine "Tiger" mit dem früheren bosnisch-serbischen Präsidenten Radovan Karadžić in Bijeljina (Bosnien und Herzegowina) im Jahr 1995.
    foto: reuters

    Željko Ražnatović "Arkan" und seine "Tiger" mit dem früheren bosnisch-serbischen Präsidenten Radovan Karadžić in Bijeljina (Bosnien und Herzegowina) im Jahr 1995.

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