1988: Ein Titel für den totalen Fußball

Video26. Juni 2016, 18:43
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14 Jahre nach dem WM-Finaltrauma von München glückte den Niederlanden die Revanche, an der auch Oberösterreichs Schiedsrichter Horst Brummeier seinen Anteil hatte

Was im Rückblick, wenn das Meisterstück geliefert ist, wie aus einem Guss erscheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen oftmals als weit fragiler. Und manchmal, da hängt die Souveränität des Siegers gar an einem seidenen Faden.

Im Falle des Fußballeuropameisters Niederlande war dieser Faden die verhinderte Klarsicht des Referees Horst Brummeier. Der oberösterreichische Pfeifenmann fand am Goal des Stürmers Wim Kieft nichts auszusetzen, allein, es wurde aus klarer Abseitsposition erzielt. Die Szene begab sich in der 84. Minute der Partie gegen Irland, ohne sie und den resultierenden 1:0-Erfolg in der Gruppenphase der Endrunde in Deutschland hätte es die folgenden Meisterwerke der Oranjes in Halbfinale (gegen die Gastgeber) und Endspiel (gegen die UdSSR) mangels Weiterkommens nie gegeben.

Gelöstes Trauma und Leiberlwischen

Als Marco van Basten in der Vorschlussrunde 75 Sekunden vor dem Abpfiff in voller Streckung den Ball um Jürgen Kohler und vorbei an Tormann Eike Immel zum 2:1-Siegestreffer in die Maschen setzte, hatten die Niederländer 14 Jahre nach dem WM-Finaltrauma von München endlich ihre Revanche. Franz Beckenbauer hatte die Kettenhunde Kohler und Ulrich Borowka auf van Basten und Ruud Gullit angesetzt, trotzdem dominierten die hochbegabten Eleven des alternden Generals Rinus Michels spätestens mit Beginn der zweiten Halbzeit.

Die Atmosphäre auf dem Feld war aufgeladen, es war unübersehbar, dass es auf niederländischer Seite um alles ging. Der Tiefpunkt war erreicht, als ein triumphierender Ronald Koeman nach Schlusspfiff mit dem Trikot Olaf Thons die Geste des Hinternabwischens vollführte. "Sie hassten uns viel mehr als wir sie", erinnerte sich Karl-Heinz Förster.

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Auch nicht von schlechten Eltern. Jack Charltons Iren schaffen ein historisches 1:0 gegen die Engländer.

Duell der Philosophen

Das Finale war auch das Kräftemessen zweier Großmeister des Fußballs: Michels, des Architekten des Voetbal Totaal, und seines sowjetischen Gegenspielers Walerij Lobanowskyj, der seinen bei Dynamo Kiew seit langem höchst erfolgreich praktizierten Ansatz auch der Nationalmannschaft verordnet hatte. Er basierte auf naturwissenschaftlichen Prinzipien, Dynamik und radikale Verknappung des Raums prägten seinen Stil. Gegen Geniestreiche wie van Bastens Volley aus unmöglichem Winkel zum 2:0-Endstand war jedoch kein Kraut gewachsen.

Während die Niederlande ihren ersten Titel gewannen, erwies sich die späte Hochblüte des sowjetischen Kicks zugleich als dessen Abgesang. Nie wieder sollte ein Team aus der UdSSR bei einer EM antreten.

Österreich war in der Qualifikation in einer Gruppe mit Spanien und Rumänien auf verlorenem Posten. Nur gegen Albanien gelang ein Sieg. "Ich schäme mich", sagte Branko Elsner und trat als Teamchef ab. Im November 2012 ist der Sportprofessor aus Ljubljana 82-jährig gestorben. (Michael Robausch, 26.6.2016)

  • Die Europameister von 1988 Ruud Gullit, Berry van Aerle, Ronald Koeman, Gerald Vanenburg, Arnold Muhren und Jan Wouters flankiert von dem früheren Uefa-Präsidenten Jacques Georges (FRA/li) und verstärkt durch Deutschlands ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. (3.v.li)
    foto: imago sportfotodienst/baumann

    Die Europameister von 1988 Ruud Gullit, Berry van Aerle, Ronald Koeman, Gerald Vanenburg, Arnold Muhren und Jan Wouters flankiert von dem früheren Uefa-Präsidenten Jacques Georges (FRA/li) und verstärkt durch Deutschlands ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. (3.v.li)

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