Die Schiedsrichter als Sieger der bisherigen EM

26. Juni 2016, 18:49
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Uefa-Schiedsrichterboss Pierluigi Collina ist hochzufrieden mit Felix Brych und Co. – taktische Vorbereitung als Grund

Paris – Das Niveau der EM war bisher überschaubar. Nur eine Teilnehmergruppe fiel positiv auf. Anders gesagt: gar nicht. Die Schiedsrichter sind bisher die Gewinner der EM. Kaum Fehlentscheidungen in der Vorrunde, dafür zahlreiche Spiele mit einer klaren, von den Spielern respektierten Linie.

Beim Abseits stets korrekt

Bei sämtlichen relevanten Abseitsentscheidungen lagen die Referees richtig, in 36 Vorrundenspielen gab es nur einen gravierenden Irrtum. Björn Kuipers hätte Sergio Ramos’ gehaltenen Elfmeter gegen Kroatien wiederholen lassen müssen, da Torhüter Danijel Subasic gut zwei Meter vor seinem Tor stand.

foto: apa/afp/john macdougall
Collinas Augen sind wachsam.

Das bestätigte auch Pierluigi Collina, Schiedsrichterchef der Uefa. Abseits dessen zeigte sich die pfeifende Legende höchst zufrieden mit den Leistungen ihrer Schützlinge.

Sonderlob für Brych

Für den Deutschen Felix Brych gab es sogar ein seltenes Sonderlob von dem Glatzkopf mit dem stechendsten aller Blicke. Jamie Vardys Tor gegen Wales trotz Abseitsverdachts anzuerkennen, da der Ball von einem Waliser kam, bezeichnete Collina als "großartige Entscheidung".

"Ich war im Stadion und habe es nicht gesehen. Ich habe drei Jahre meines Lebens verloren, weil ich sicher war, dass es eine falsche Entscheidung war. Aber es war absolut richtig", sagte der Italiener.

foto: apa/afp/martin bureau
Brych gelang der wohl beste Pfiff der bisherigen EM.

Besser als 2014 und 2012

Nun sollte fehlende Kritik an Schiedsrichterleistungen der Normalzustand sein – die Realität ist aber eine andere. Bei der WM 2014 hagelte es Fehlentscheidungen, der kolumbianische Linienrichter Humberto Clavijo war gar heimgeschickt worden, nachdem er Mexiko gegen Kamerun zu Unrecht zwei Tore wegen Abseits aberkannt hatte.

Auch bei der EM 2012 waren die Referees ein häufiges Gesprächsthema. Das zu Unrecht nicht gegebene Tor der Ukraine gegen England stellte immerhin die Weichen für die Einführung der Torlinientechnologie. Der Ball war hinter der Linie gewesen, Schiedsrichter Viktor Kassai konnte die Fehlentscheidung seines Torrichters "kaum ertragen". Der heuer so gelobte Brych musste verfrüht nach Hause fahren, da er ein klares Elfmeterfoul im Spiel der späteren Europameister Spanien gegen Kroatien übersehen hatte.

Vorbereitung wirkt

Collina sieht die neu eingeführte Spielvorbereitung als Schlüssel zu den verbesserten Leistungen. Die Schiedsrichter bekommen vor jedem Spiel ein von zwei Trainern vorbereitetes, einstündiges Briefing zu Taktik und Eigenheiten beider Teams.

foto: reuters/charles platiau
Auch auf die physische Vorbereitung der Schiedsrichter legt Collina wert.

"Wenn man von etwas überrascht wird, liegt man wahrscheinlich falsch", sagte der 56-Jährige und dachte schon einen Schritt weiter: "Es funktioniert sehr gut, also denken wir darüber nach, es auch in anderen Bewerben zu implementieren."

Faire EM

Im ganzen Turnier gab es erst eine glatte rote Karte – für den Iren Shane Duffey im Achtelfinale gegen Frankreich – nach einer gewöhnlichen Notbremse. Das lag auch an der meist souveränen Spielführung der Unparteiischen, die eine Eskalation bisher nie zuließen. Der Schiedsrichter-Boss nimmt mit seiner Hauptanweisung Anleihen beim kürzlich verstorbenen Muhammad Ali: "Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene."

Wer im Finale schweben und stechen wird, will Collina noch nicht verraten. Noch sind zwölf Schiedsrichterteams im Rennen – für sie gilt wie für die Uefa: Eine schwere Fehlentscheidung, und die Kritik ist wieder da. (masc, sid, 26.6.2016)

  • Pierluigi Collina kann mit den Leistungen seiner Schützlinge zufrieden sein.
    foto: reuters/charles platiau

    Pierluigi Collina kann mit den Leistungen seiner Schützlinge zufrieden sein.

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