Britische Großparteien stemmen sich gegen ihren Zerfall

26. Juni 2016, 18:37
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Konservative suchen Premier-Gegenkandidaten zu Boris Johnson, Labour Ersatz für Jeremy Corbyn

Bei den Drahtziehern der großen Parteien liefen am Wochenende die Telefone heiß: Die regierenden Torys suchen fieberhaft einen neuen Premierminister als Nachfolger des zurückgetretenen David Cameron. Die Eile ist dabei vor allem bei jenen Konservativen groß, die Londons Exbürgermeister Boris Johonson nicht als künftigen Premier sehen wollen. Weite Teile der Labour-Fraktion wollen derweil den ungeliebten Oppositionsführer Jeremy Corbyn loswerden.

Nach viermonatigem Abstimmungskampf hatten die Briten am Donnerstag für die Abkehr von Brüssel votiert. Immerhin 72 Prozent der Wahlberechtigten eilten an die Urnen, das Ergebnis war knapp, aber eindeutig: 51,9 Leave zu 48,1 Prozent Remain, ein Abstand von mehr als einer Million Stimmen. Allerdings wollten Londoner, Nordiren und Schotten in der EU verbleiben.

Über Premier Cameron meldeten britische Medien übereinstimmend, er habe sich die "schwere Scheiße" der Brexit-Verhandlungen mit den EU-Partnern ersparen wollen: "Sollen doch die anderen ran!", zitiert das Boulevardblatt Sun den Konservativen. In London gibt es eigentlich wenig Zweifel daran, wie der Nochfolger Camerons heißen wird, dem der scheidende Premier das zweifelhafte Vergnügen überlässt. Wenn ihn führende Konservative nicht doch noch verhindern können.

Londons Exbürgermeister agierte als Brexit-Vorkämpfer laut, teils lügenhaft und oft lustig. Wie wenigen Konservativen fliegen ihm Herzen auch jenseits seines politischen Lagers zu. "Er war überrascht vom Sieg und ist sich der großen Verantwortung bewusst", glaubt Johnson-Biograf Andrew Gimson. Gegen Johnson dürften die erfahrene Innenministerin Theresa May antreten sowie der bisher wenig bekannte Sozialminister Stephen Crabb. Beide waren Verbleib-Befürworter, kamen in der Debatte aber kaum vor. Der Waliser Crabb, 43, betont seine Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen und stellte sich in den Medien als Kandidat fürs ganze Land ("One Nation Tory") vor.

"Putsch" gegen Corbyn

Während der Vollbartträger Crabb erst an die Macht strebt, klammert sich der ebenfalls bärtige Labour-Chef Jeremy Corbyn an sein Amt. Der Parteiveteran hatte vor dem Votum Unlust zur Schau getragen, sich für den EU-Verbleib zu engagieren – am Donnerstag fehlten Labours Remain-Kampagne wichtige Stimmen.

Weil der außenpolitische Sprecher Hilary Benn einen Aufstand gegen ihn organisierte, wurde er Sonntagfrüh gefeuert. Im Lauf des Tages traten über ein halbes Dutzend Mitglieder des Schattenkabinetts zurück. Erfahrene Parlamentarier befürchten für den Herbst Unterhaus-Neuwahlen. Mit Corbyn als Anführer fiele die Arbeiterpartei womöglich hinter ihr Ergebnis von 2015 (30 Prozent) zurück.

In einer Reihe traditioneller Labour-Wahlkreise, besonders im Norden Englands, landeten die Nationalpopulisten der Ukip-Partei im vergangenen Jahr auf Platz zwei. Das erklärt die Sorge vieler Mandatsträger aus dieser Region. Zudem offenbarte das Brexit-Votum die Entfremdung zwischen Labour und ihrer Stammklientel: In Bezirken mit vergleichsweise schlecht ausgebildeter Bevölkerung wollten 83 Prozent die EU verlassen, in Kommunen mit hohem Industrieanteil 86 Prozent.

Am heutigen Montag sollte die Fraktion über ein Misstrauensvotum beraten. Allerdings hätte die Abstimmung keinen bindenden Charakter. Eine Alternative zu Corbyn drängt sich nicht auf. (sbo, 26.6.2016)

  • Labour-Chef Corbyn engagierte sich nur widerwillig für die EU.
    foto: ap/wifflersworh

    Labour-Chef Corbyn engagierte sich nur widerwillig für die EU.

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