Junge Europäer, ihr müsst es richten!

Kommentar der anderen26. Juni 2016, 19:03
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Ein spontan verfasster Appell eines Vertreters der älteren an die jüngere Generation

Freitag, 24. Juni 2016, 5.45 Uhr früh. Das Ergebnis der Abstimmung Großbritanniens über seine Zugehörigkeit zur Europäischen Union zeichnet sich ab. Die Mehrheit der britischen Wähler votiert für ein "out", eine sehr große Minderheit für ein "remain". Die Ergebnisse innerhalb des Landes sind sehr unterschiedlich. Dieser gestrige Tag, der 23. Juni 2016, der Tag des Votums Großbritanniens über seine Zukunft in Europa, ist für mich der wichtigste Tag der europäischen Nachkriegsgeschichte seit dem Tag des Auflösungsbeschlusses der Sowjetunion am 27. Dezember 1991, eines Zerfalls mit all seinen vielfältigen und wirkungsmächtigen Folgen, insbesondere auch für die Europäische Union.

Europäischen Belangen Vorrang vor nationalen Interessen geben

Bis 1989 hatten wir eine Spaltung Europas zwischen dem Osten und dem Westen des Kontinents. Jetzt haben wir eine Spaltung im Inneren so gut wie jedes einzelnen Mitgliedsstaates der Union. Nicht zuletzt in Großbritannien selbst. Die Aufgaben, die vor uns Europäern liegen, sind gewaltig. Es sind Aufgaben für Herz, Hirn und Hände. Wir brauchen jetzt – vielleicht mehr als alles andere – Politiker, nein: Staatsmänner, Staatsfrauen, die damit beginnen, konsequent europäischen Belangen Vorrang vor (nicht selten nur vermeintlichen) nationalen Interessen zu geben – ohne Bedacht auf zunächst eintretende innenpolitische Reaktionen. Nur auf diesem Weg werden sie auch ihrem eigenen Volk dienen können. Nur so werden sie jene Autorität erlangen können, die ihnen auch in den eigenen Ländern helfen wird. Helfen insbesondere auch zu zeigen, dass das so oft substanzlose Agieren all der populistischen und demagogischen Strömungen (in allen Parteien!) rat- und hilflose Parolen sind, die keine Beiträge zu notwendigen Entwicklungen der Union zu leisten vermögen, die uns in keiner Weise weiterbringen.

Chance für die EU

So schlimm der Brexit auch ist, hat in dieser nun eintretenden, noch stärker zugespitzten Krise die Union von uns Europäern die Chance auf umfassende Erneuerung, eine letzte Chance, geboren aus unabweislicher Notwendigkeit. Und auch die Chance auf eine klarere Identität der Union, war doch Großbritannien seit seinem Beitritt immer wieder gerade bei Schlüsselthemen mehr atlantisch orientiert als europäisch.

Nun ist die Zeit da, in der es die jungen Leute hier im alten Europa werden richten müssen. Ihre Aufgabe wird noch größer sein, als es die Aufgabe unserer Generation(en) war, nach all den schrecklichen Ereignissen zwischen 1914 und 1945: diesen Kontinent zu befrieden und ihm Wege in die Zukunft globaler Beziehungen zu weisen und sie auch zu gehen. Die Aufgabe unserer Generation war vor allem einmal eine offensive. Es ging nach vorne und nach oben.

Erreichtes bewahren und Neues erschließen

Die nun vor uns liegenden Aufgaben haben gleichermaßen defensiven wie offensiven Charakter. Es gilt, Erreichtes zu bewahren und Neues zu erschließen. Die jungen Europäer werden dabei zu einer neuen Wahrhaftigkeit finden müssen. Sie müssen als Europäer und dann erst als Deutsche, als Franzosen, als Italiener, als Polen, als Österreicher ihre Gedanken klar und ohne jegliche taktischen Seitenblicke formulieren und mutig aussprechen. Das ist für mich die Forderung gegenüber den jungen Leuten hier auf dem alten Kontinent, den jungen Frauen wie den jungen Männern.

Dabei setze ich auch ganz stark auf die Arbeit und die Leistung aller in der Welt der Unternehmungen tätigen Menschen – der Unternehmer, der Geschäftsleitungen, der Mitarbeiter – als wirtschaftliche Grundlage all unserer Errungenschaften. Ich vertraue bei all dem voll unseren jungen und ganz jungen Leuten hier in unserem "alten" Teil der Welt, Wege in die Zukunft zu finden. Ich traue ihnen zu, einen für Europa geeigneten Platz in dieser schwierigen Welt zu erarbeiten. (Alfred Reiter, 26.6.2016)

Alfred Reiter (76), Kabinettschef Bruno Kreiskys, langjähriger Chef der Investkredit Bank. Sein letzter aktiver Arbeitstag war der letzte Tag des Schillings, sein erster in der Pension der erste Tag des Euro.

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