Portugal: Hinten kompakt, vorne der Star

26. Juni 2016, 17:19
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Die Portugiesen haben ein Rezept gefunden, wie man vielleicht erstmals einen großen Titel holen könnte. Gegen Kroatien war es zwar nicht schön anzuschauen, aber der Erfolg gab Ronaldos Team recht

Lens – Der Jubel fiel zurückhaltend aus. Keine Siegerpose, kein strahlendes Lächeln, keine lauten Interviews. Stattdessen nahm sich Cristiano Ronaldo Zeit für seinen weinenden Vereinskollegen Luka Modric. Nach 120 faden Minuten war Portugal der glückliche Sieger gegen Kroatien im dritten Achtelfinalspiel. Am Siegestor in der 117. Spielminute war, wie könnte es anders sein, Ronaldo beteiligt. Den Schuss des 31-Jährigen wehrte Kroatiens Goalie Danijel Suba-sic zwar ab, Ricardo Quaresma verwertete allerdings den Abpraller per Kopf.

Beinah demütig verließ Portugals Superstar nach dem Erfolg das Fußballfeld in Lens. Auf gerade einmal zwei Torschüsse hatten es die Iberer gebracht, die minimal offensiver eingestellten Kroaten brachten es auf keinen einzigen Schuss direkt aufs Tor. "Ich sehe auch lieber schönen Fußball, genau wie die Zuschauer. Aber so gewinnt man keine Turniere", sagte Portugals Trainer Fernando Santos. "Manchmal muss man eben pragmatisch sein."

Das Talent akzeptieren

Oft schon sind die Portugiesen bei Europameisterschaften weit gekommen, aber der Titel, der blieb ihnen stets verwehrt. 1984, 2000 und vor vier Jahren scheiterte Portugal im Halbfinale, 2004 unterlag der Gastgeber im Endspiel den Griechen. Es war nicht der ausgeprägte Offensivgeist, der der Mannschaft von Otto Rehhagel damals sensationell den Titel eingebracht hatte. "Offense wins Games, Defense wins Championships." Diesen Satz hört man des Öfteren in Bezug auf US-Sportarten. Vielleicht haben sich auch die Portugiesen daran orientiert.

"Kroatien hat mehr Talent", schrieb die Tageszeitung Diario de Noticias, "und Portugal hat das akzeptiert." Vor allem das 3:3 im Gruppenfinale gegen Ungarn hatte Santos Sorgen bereitet, "das Resultat hing uns nach", sagte Verteidiger Pepe. "Deshalb hat der Trainer den Fokus auf das Verteidigen gelegt."

Gut und schlecht

Ronaldo und Co haben den vermeintlich stärksten Gegner in ihrer Hälfte des Spielplans ausgeschaltet, sie haben ihrem Spiel zudem eine unschöne, aber erfolgreiche Variante hinzugefügt. Der Weg ins Finale scheint geebnet. Doch Pepe forderte noch am Abend in Lens Zurückhaltung. "Wir sind jetzt nicht die Favoriten", sagte der 33-Jährige. "Wir gehören nicht zu den Besten, wenn wir gewinnen, und auch nicht zu den Schlechtesten, wenn es einmal nicht läuft."

Doch Ronaldo darf bei seinem siebenten großen Turnier im Nationaltrikot weiter auf den ersten großen Triumph hoffen. Allzu oft schon hat ein einziger Genieblitz des Superstars für einen Sieg gereicht. Und wenn die Verteidigung so stabil ist wie gegen Kroatien, dann scheint tatsächlich viel möglich. (sid, rie, 26.6.2016)

  • Im Zentrum und doch nicht alleine: Cristiano Ronaldo.
    foto: apa/afp/philippe huguen

    Im Zentrum und doch nicht alleine: Cristiano Ronaldo.

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