Griezmann Glücksgarant für die Grande Nation

26. Juni 2016, 17:09
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Frankreich fing sich gegen Irland nach frühem Schock und schwacher erster Hälfte und steht im Viertelfinale. Antoine Griezmann drehte das Spiel binnen drei Minuten

Lyon – Die favorisierten Gastgeber konnten im Achtelfinale gegen Irland die Zweifel an ihrer Titelreife nicht ausräumen. Ja, die Zweifel wurden im Duell mit dem krassen Außenseiter von der grünen Insel sogar vertieft. Mitschuld war ein denkbar schlechter Beginn für die trotz ihres Gruppensieges heftig kritisierte Truppe von Trainer Didier Deschamps.

Die Marseillaise schien noch als Echo im randvollen Stade de Lyon zu hängen, da hatten die aufgerufenen Kinder des Vaterlandes schon einen klassischen Schuss ins eigene Knie abgegeben. Nach einer Serie verlorener Zweikämpfe, einem Stolperer von Adil Rami und einer Ablage von Daryl Murphy kam Shane Long im französischen Strafraum an den Ball und wurde vom ungeschickt attackierenden Paul Pogba gefällt.

Kaum eine Minute nach Anpfiff der Partie entschied Schiedsrichter Nicola Rizzoli also auf Elfmeter. Nach 1:58 Minuten fand der Ball via Innenstange ins Netz. Robbie Brady, der die Boys in Green schon mit seinem Kopftor gegen Italien ins Achtelfinale beförderte hatte, erzielte mit eiskalter Präzision das zweitschnellste Tor der EM-Geschichte. Das bisher flotteste war 2004 dem Russe Dimitri Kiritschenko im Vorundenspiel gegen den späteren Titelgewinner Griechenland nach nur 67 Sekunden gelungen.

Herzenslust

Für das französische Nervenkostüm war der schnelle Gegentreffer natürlich Gift. Coach Didier Deschamps, von seinem Goalie Hugo Lloris (55. Einsatz mit Schleife) als Rekordkapitän abgelöst, bekam von der Équipe Tricolore zwar Engagement, aber wenig Genauigkeit, dafür aber viele Flüchtigkeitsfehler geboten.

Die Iren, die im Vorfeld bis zum Überdruss und in der Hoffnung auf einen langen Nachmittag Elfmeter geübt hatten, stemmten sich mit Laufarbeit nicht nur den Angriffen entgegen und gingen mit Herzenslust in jeden Zweikampf, sondern konterten, durch die französischen Schnitzer ermutigt. So kam Martin O’Neills Truppe zunächst fast zu den besseren Chancen, etwa durch Jeff Hendrick, bei dessen Schuss sich Lloris zu strecken hatte (21.).

Turbulenzen

Auf der Gegenseite wurde es erst kurz vor Seitenwechsel so richtig turbulent, aber Schüsse von Dimitri Payet und Antoine Griezmann wurden durch in ihrem Strafraum herumrutschende Iren abgeblockt. Dem Pausenpfiff folgte ein wenig erbauliches Pfeifkonzert.

Deschamps warf Bayerns Kingsley Coman statt des fehlerhaften N’Golo Kanté ins Getümmel, um das Niveau des französischen Spiels zu heben. Den Mut hob eine Kopfballchance für Laurent Koscielny nach Freistoß von Payet und geschickter Verlängerung von Pogba (48).

Der Ausgleich lag trotz anhaltendem Störfeuer in der Luft, materialisiert hat er sich nach einer Flanke von Bacary Sagna, die Griezmann per Kopf verwertete (58.). Seinem zweiten Turniertreffer ließ der nur 1,75 Meter große Torjäger von Atlético Madrid nur drei Minuten später Nummer drei folgen. Olivier Giroud hatte zwei Gegenspieler auf sich gezogen und seinen Sturmpartner, der flach netzte, ideal bedient (61.) Den Hattrick konnte Shane Duffey gerade noch verhindern – zum Preis einer roten Karte wegen Torraubs an Griezmann (66.). In der Folge machte sich auch der französische Vorteil längerer Regenerationszeit – sieben gegen nur vier Tage für Irland – bemerkbar. Der eingewechselte André-Pierre Gignac traf die Latte (77.), Griezmann scheiterte an Goalie Darren Randolph. Der Rest war Jubel. (lü, 26.6.2016)

EM-Achtelfinale, Samstag

Frankreich – Irland 2:1 (0:1)
Stade de Lyon, 56.300, SR Nicola Rizzoli (ITA)

Tore:
0:1 ( 2.) Brady (Foulelfmeter)
1:1 (58.) Griezmann
2:1 (61.) Griezmann

Frankreich: Lloris – Sagna, Rami, Koscielny, Evra – Matuidi, Kante (46. Coman/93. Sissoko), Pogba – Griezmann, Giroud (73. Gignac), Payet

Irland: Randolph – Coleman, Keogh, Duffy, Ward – Brady, McCarthy (72. Hoolahan), Hendrick, McClean (68. O'Shea) – Long, Murphy (65. Walters)

Rote Karte: Duffy (66./Notbremse)

Gelbe Karten: Kante, Rami bzw. Coleman, Hendrick, Long

Stimmen

Didier Deschamps (Frankreich-Trainer): "Nach dem Elfmeter gleich zu Beginn war es für meine Mannschaft schwierig, ins Spiel zu finden. Die Iren haben zudem ein sehr gutes Spiel gemacht. Wir haben erst gegen Mitte der ersten Hälfte zu unserer Form gefunden. Gegen eine starke Defensive tut sich jede Mannschaft schwer, das hat man auch in den ersten Achtelfinalspielen gesehen. Wir sollten jetzt nicht schon ans Finale denken. Wir sind in einem guten Rhythmus, das macht uns noch gefährlicher."

Antoine Griezmann (Doppeltorschütze): "Es ist wunderbar, dass ich getroffen habe und wir weiter gekommen sind. Vom Start hätten wir besser sein müssen, da haben wir nicht gleich ins Spiel gefunden. Mein Familie war heute auf der Tribüne. Das ist natürlich großartig, dass sie mitfeiern konnten. Zwischenzeitlich sah es nach Verlängerung aus, aber zum Glück haben wir das Spiel nach 90 Minuten entschieden. Ich fühle mich großartig. Ich freue mich immer, wenn ich der Mannschaft helfen kann."

Patrice Evra (Frankreich): Wir sind weiter gekommen, das ist das Wichtigste. Wir waren in der Pause nicht frustriert. Wir hatten genug Selbstvertrauen in unser Können. Wir haben immer daran geglaubt. Ich dachte mir: 'Wir sind Frankreich, das ganze Land steht hinter uns. Es ist einfach nicht möglich, dass wir schon im Achtelfinale ausscheiden.' Wir müssen einfach weiter arbeiten und dort anschließen, wo wir heute aufgehört haben."

Seamus Coleman (Irland): "Wir sind sehr enttäuscht. Wir haben ein gutes Spiel gemacht. Wir hoffen, dass wir unsere Fans trotzdem stolz gemacht haben. Ihre Unterstützung war einfach unglaublich, positiv bis zum Schluss. Da ist ein besonderes Band zwischen den Fans und der Mannschaft. Erste Hälfte haben wir sehr gut gespielt, in der zweiten konnten wir das Tempo nicht mehr mitgehen und haben zu früh das Gegentor bekommen."

Martin O'Neill (Irland-Trainer): "Ich denke, es ist natürlich, dass wir enttäuscht sind. Wir haben die Tore in der zweiten Hälfte zu schnell bekommen. Wenn wir ein wenig länger, vielleicht fünf, sechs Minuten, die Führung gehalten hätten, hätte das gereicht. Aber man kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen, sie haben wirklich alles gegeben. Es wäre nicht mehr möglich gewesen. Frankreich hat ein wirklich hervorragendes Team. Alles Gute für sie im weiteren Turnierverlauf."

  • Ehre, wem Ehre gebührt: Dimitri Payet küsst jenen Fuß von Antoine Griezmann, der Spiel gegen die tapferen Iren letztendlich für Frankreich entschied.
    foto: reuters/

    Ehre, wem Ehre gebührt: Dimitri Payet küsst jenen Fuß von Antoine Griezmann, der Spiel gegen die tapferen Iren letztendlich für Frankreich entschied.

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