"Der böse Geist Lumpazivagabundus": Glück im Extraordinären

26. Juni 2016, 16:05
posten

Nestroys Zauberposse in Schwechat

Wien – Die Nestroyspiele Schwechat blicken auf eine seit 1973 ungebrochene Aufführungstradition zurück. Mit einem der bekanntesten Stücke des Volkstheaterdichters registrieren sie heuer die menschlichen Mängel: dem Bösen Geist Lumpazivagabundus. Als Regisseur macht Peter Gruber sich mit jeder Menge Freude an aktualisierender Szenen- und Textgestaltung an Nestroys ersten Publikumserfolg von 1833.

Leere Aludosen, Plastikflaschen, Papierfetzen vermüllen die betontrübe Bühne. Im Hintergrund blinkt – für Sommertheater gewöhnungsbedürftig – einsam ein Weihnachtsbäumchen. Kein Stern steht aber am Himmel, sondern es ziehen die Börsenkurse darüber hinweg. Wo einer gewinnt, verliert ein anderer.

Namentlich die darunter lagernden drei jungen Männer: Eric Lingens ist als Schuster Knieriem ein versoffener Gesell mit fleckiger Hose und einer bravourösen Resignation vor dem kommenden Kometen. Valentin Frantsits gibt Schneider Zwirn gut bei Stimme als eitlen behmischen Gecken. Und Max G. Fischnaller den Tischler Leim als bestechend harmlos-netten Burschen vom Land.

Alle nebst fabelhaft dargestellt auch arbeits-, obdach- und hoffnungslos, zieht ihnen zudem "eine Numero" über die Köpfe. Die Feen Fortuna (eine Börsianerin) und Amorosa (ein resolutes Mütterchen) liefern sich eine Wette um ihre Macht und deren Glück.

Wenn der Mensch tatsächlich erst zu Reichtum gekommen zum wahren Sein findet, kann man sich schon ausmalen, was nun auf die drei – den Tüchtigen, den Lebemann und Blender sowie den allzu Sensiblen, kaum will man ihn einen Taugenichts nennen – zukommt. Noch bunter aber sind die Farben in Schwechat!

Dialektstrotzend spickt das Ensemble in bester Nestroymanier das immergültig Menschliche mit Verweisen auf aktuelle Politik und Gesellschaft. Nicht nur im "Die Wöt steht auf kan Fall mehr long long long long long"-Kometenlied. Eine Zuwanderin etwa hat beim AMS einen Jodelkurs besucht. Auch Spitzen gegen die Wiener Crème de la Seitenblicke ("Wir sind im Fernsehen, weil uns die Leut gern sehen") haben Platz.

Das alles ist so turbulent und klug gemacht, dass es eine Freude ist. Das Ordinäre als Extraordinäres. Ein Volkstheater im besten Sinn ist, was hier gute zwei Stunden lang über die Bühne geht. Selbige (Tina Prichenfried, Günter Lickel) spielt dabei nicht weniger alle Stückerln mit als die Kostüme (Okki Zykan) und die Livemusik von Hans Nemetz und Hans Wagner. Am Ende errettet die Liebe. Die Jugend mag verkommen sein, aber sie ist nicht verloren. (Michael Wurmitzer, 26.6.2016)

  • Tischler Leim (Max G. Fischnaller, Mitte) hat das große Los gezogen. Und mit ihm Eric Lingens als Schuster Knieriem (li.) und Valentin Frantsits als Schneider Zwirn.
    herbert neubauer

    Tischler Leim (Max G. Fischnaller, Mitte) hat das große Los gezogen. Und mit ihm Eric Lingens als Schuster Knieriem (li.) und Valentin Frantsits als Schneider Zwirn.

Share if you care.