Wie Fachleute in China den Brexit sehen

26. Juni 2016, 13:37
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Europas Krisenthema überlagert das Tianjiner WEF-Weltwirtschaftsforum. Bangen vor dem schwarzen Montag

China ist die "vom Brexit weltweit am wenigsten in Mitleidenschaft gezogene Volkswirtschaft. Betroffen wurde nur der Wechselkurs des chinesischen Renminbi über die Währungsturbulenzen." Doch das werde sich in den nächsten Tagen stabilisieren, "denn der Renminbi sei eine kontrollierte Währung." Wirtschaftsexperte Li Daokui, einst Mitglied im geldpolitischen Rat der chinesischen Zentralbank und Dekan an der Eliteuniversität Tsinghua verbreitete auf dem Tianjiner Chinaableger des "World Economic Forum" (WEF) von Klaus Schwab am Sonntag pure Zuversicht. Er sah negative Folgen vor allem für den Euro, der durch den Brexit geschwächt werde. Das aber würde zu "einer höheren Nachfrage für eine Internationalisierung des Renminbi führen."

Auch für das chinesisch-britische Verhältnis sieht Li keine Krise: Die Handelsbeziehungen seien sehr gut. "Großbritannien ist ein Champion des freien Welthandels." Chinas renommierter Nationalökonom Huang Yiping von der Universität Peking widersprach Li. "Ich sorge mich am meisten, ob sich nach dem Brexit die Globalisierung der Welt fortsetzen lässt." Chinas Wachstum sei 40 Jahre Nutzniesser dieses Trends gewesen. "Wenn die Globalisierung stoppt ist das sehr schlecht für die Welt und sehr schlecht auch für China."

Peking will EU-Integration unterstützen

Es war die erste öffentliche und dazu kontrovers geführte Debatte in China über die Folgen des fernen Brexit. Er hatte in Wirklichkeit die Regierung ebenso überrascht und verstört wie die übrige Welt. Nur wollte Peking das offiziell nicht eingestehen, spielte die Folgen herunter und informierte schleppend. Am Freitag gab Shanghais Börse nur um 1,3 Prozent nach, während asiatische Aktienmärkte tief fielen, darunter Japans Börse um acht Prozent. Die Sprecherin des Außenministeriums Hua Chunying versuchte den diplomatischen Spagat. Sie sagte, dass Peking den EU-Integrationsprozess "weiter unterstützen" und zugleich auch seine bilateralen Beziehungen zu London stärken will. "Doch die Wahl Großbritanniens wird bedeutsame Auswirkungen haben."

Unter den internationalen und auch chinesischen Teilnehmern des Tianjiner Weltwirtschaftsgipfel war die Sorge groß, ob Chinas Börsen und auch seine Währung in einen schwarzen Montag steuern. Das Thema Brexit setzte sich überall auf die Tagesordnung. US-Starökonom Nouriel Roubini, der über die Lage der "Emerging Markets" sprach, nannte den Brexit einen "perfekten Ministurm". Er könnte der "Beginn zur Auflösung der Europäischen Union und der Euro-Zone sein" und damit weltweite Folgen haben. Noch wisse niemand, wie weit "das zu´weiterer Kapitalflucht aus den Schwellenstaaten führt.

Verlust von Stabilität

Michael Falcon, Asienchef der Investmentbank JPMorgan, sagte, dass sich die Märkte darauf konzentrieren, was als nächstes passiert. Es sei ein "Schock, aber noch keine Krise". Doch er erwarte mehr Volatilität an den Aktienmärkten. Einig waren sich alle, dass sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht abkoppeln kann. China fürchte durch den Brexit vor allem den Verlust an internationaler Stabilität, auf die es gerade in seiner derzeitigen Lage und Problemen mit seinen Strukturreformen angewiesen ist, sagte Ian Bremmer, Präsident von Eurasia. Beide sprachen auf einer von der WEF adhoc organisierten Sonderdebatte zum Brexit. Die Schlange interessierter Zuhörer war so lang, dass 100 Anstehende ausgesperrt werden mussten.

WEF-Veranstalter Klaus Schwab wollte zum Thema Brexit am Sonntag noch keine Stellung nehmen. Er werde darüber sprechen, wenn am Montag Premier Li Keqiang die bis Dienstag dauernde Wirtschaftskonferenz offiziell eröffnet. Der Premier wird dann Chinas erster Politiker sein, der zum Brexit offiziell Stellung nimmt. (Johnny Erling aus Tianjin, 26.6.2016)

  • Noch hat der Brexit an den chinesischen Finanzmärkten wenig bewirkt. Experten sehen China aber trotzdem im Nachteil.
    foto: afp / wallace

    Noch hat der Brexit an den chinesischen Finanzmärkten wenig bewirkt. Experten sehen China aber trotzdem im Nachteil.

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