Eigentor bringt Wales weiter, Nordirland ausgeschieden

25. Juni 2016, 20:17
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Das favorisierte Team um Gareth Bale hat in einem überraschend ausgeglichenen Briten-Derby das bessere Ende für sich und steht erstmals im Viertelfinale

Paris – Gareth Bale und seine Roten Drachen stehen im Viertelfinale der Fußball-EM. Dank eines Eigentores von Nordirlands Gareth McAuley (75.) setzten sich die favorisierten Waliser am Samstag im Pariser Prinzenpark im zähen Duell der Debütanten glücklich mit 1:0 (0:0) durch. Für Wales ist das der größte Erfolg seit 58 Jahren, seit der WM 1958 in Schweden, als die damalige Mannschaft ebenfalls das Viertelfinale erreicht hatte. Gegner in der Runde der letzten Acht ist am kommenden Freitag in Lille (21.00 Uhr) Belgien oder Ungarn.

Das Spiel vor 44.342 Zuschauern war nichts für Feinschmecker: Was die dennoch gut gelaunten und stimmkräftigen Anhänger beider Mannschaften zu sehen bekamen, machte wenig Hoffnung auf eine Entscheidung vor dem Elfmeterschießen. Bei Ballbesitz des Gegners versammelten sich Waliser wie Nordiren zügig mit möglichst vielen Spielern hinter dem Ball und mit mindestens einer Fünferkette vor dem eigenen Strafraum.Auch Bale, der sich erneut uneigennützig in den Dienst der Mannschaft stellte, kam nicht zur Geltung: Die Nordiren hingen an ihm wie Kletten.

Dennoch fand Bale die beste Gelegenheit vor, seine Mannschaft in Führung zu schießen: Es lief die 58. Minute, der Angreifer von Real Madrid stellte sich auf zum Freistoß – zweimal bereits hatte er im Turnier eine derartige Chance genutzt. Diesmal aber wehrte der hervorragende Torhüter Michael McGovern den gewiss nicht schlecht geschossenen Ball reaktionsschnell ab. Immerhin: Mit seinem scharfen Stanglpass erzwang Bale das Eigentor von McAuley.

Die Waliser hatten ansonsten Mühe, ihre spielerischen Vorteile zur Geltung zu bringen. Das lag vor allem daran, dass die Nordiren eng am Mann waren und kompromisslos in die Zweikämpfe gingen. Man ging mutiger zu Werke als noch bei den Niederlagen in der Gruppenphase gegen Deutschland und Polen, hatte demzufolge gute Chancen – ohne dabei aber zwingend zu werden. Es dauerte deshalb bis zur 53. Minute, ehe Wales seine erste gute Chance hatte, Sam Vokes aber köpfelte neben das Tor.

Zum ersten Mal trafen sich zwei sogenannte "home nations" des Fußballs in der K.o.-Runde eines großen Turniers, doch das Unterhaltsamste waren die sangeskräftigen Anhänger. Beide Lager zeigten sich einfallsreich und bespöttelten sich mit bekannt britischem Humor gegenseitig. Die Nordiren sangen: "Shall we sing a song for you" ("Sollen wir euch ein Lied singen?"), aus dem Block der Waliser schallte es zurück: "Are you England in disguise?" ("Seid ihr verkleidete Engländer?"). (sid, 25.6.2016)

EM, Achtelfinale:

Wales – Nordirland 1:0 (0:0)
Paris, Parc des Princes, 44.125 Zuschauer, SR Martin Atkinson (ENG).

Tor: 1:0 McAuley (75., Eigentor)

Wales: Hennessey – Chester, A. Williams, Davies – Gunter, Allen, Ledley (63. J. Williams), Ramsey, Taylor – Bale, Vokes (55. Robson-Kanu)

Nordirland: McGovern – Hughes, McAuley (84. Magennis), Cathcart, J. Evans – J. Ward (69. Washington), Davis, C. Evans, Norwood (79. McGinn), Dallas – Lafferty

Gelbe Karten: Taylor bzw. Davis, Dallas

Stimmen

Chris Coleman (Wales-Teamchef): "Sie waren heute besser als wir in vielen Momenten, aber wir haben sehr viel Herz und Courage gezeigt. Diese Jungs haben nie aufgegeben, sie sind immer drangeblieben, auch wenn es nicht schön anzusehen war. Ich stehe lieber hier im Viertelfinale, als wenn ich als bessere Mannschaft nach Hause fahren müsste. Nordirland war der Underdog heute, aber das hat man nicht gemerkt, wenn man das Spiel gesehen hat. Wir können es uns nicht leisten, weiter als auf die nächsten 45 Minuten zu blicken, aber wir werden die heutige Nacht genießen."

Michael O'Neill (Nordirland-Teamchef): "Es war ein ausgeglichenes Match, wir waren vielleicht sogar die bessere Mannschaft. Das ist eine bittere Niederlage und es fällt mir im Moment schwer, mich dazu zu äußern. Ich denke, wir hätten etwas machen können und waren nicht weit weg vom Viertelfinale. Dieses Resultat ist nicht verdient. Wir haben gewusst, dass sie gute Konter spielen. Wir haben Ramsey und Bale gut aus dem Spiel genommen, wir haben ihnen nicht viel Raum gegeben."

Steven Davis (Nordirland-Mittelfeldspieler und -Kapitän): "Wir haben alles gegeben und wir brauchen nichts bereuen. Ich bin enttäuscht, dass sie auf diese Art und Weise getroffen haben. Er (Eigentorschütze Gareth McAuley; Anm.) hat das nicht verdient, weil er exzellent war für uns."

Gareth Bale (Wales-Angreifer, "Man of the Match"): "Was kann ich sagen? Wir haben gewusst, dass es ein hässliches Spiel wird. Sie haben das Spiel kompliziert gemacht. Wir haben gewusst, dass wir den Ball gut halten müssen und dass uns in einem Moment eine gelungene Aktion reichen könnte. Wir haben ein Tor erzielt, das reicht. In der Pause hat der Trainer gesagt, dass wir den Ball schneller zirkulieren lassen müssen. Jetzt sind wir im Viertelfinale, wir werden wieder kämpfen und das Spiel unseres nächsten Gegners (am Sonntag; Anm.) anschauen. Die Fans waren großartig, sie haben immer gesungen und uns angetrieben."

  • Gareth Bale freut sich mit seinem Töchterl über den Einzug ins Viertelfinale.
    foto: afp/meyer

    Gareth Bale freut sich mit seinem Töchterl über den Einzug ins Viertelfinale.

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