Stjepan Mesić: "Die Welt nahm Jugoslawien falsch wahr"

Interview25. Juni 2016, 11:09
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Der letzte Präsident Jugoslawiens über den Trick, mit dem er die kroatische Armee aufbauen ließ und Miloševićs Kriegspläne

STANDARD: Sie waren von Juni bis Dezember 1991 der letzte Präsident Jugoslawiens. Welche Politik haben Sie damals verfolgt?

Mesić: Zu der Zeit haben sich Kroatien und Slowenien in allen Schritten abgestimmt. Wir wollten eigentlich erreichen, dass wir die Mehrheit der Stimmen für ein Abkommen über eine Art Konföderation für drei bis fünf Jahre bekommen. Damit hätte man den Krieg vermeiden können und wir hätten die Zusammenarbeit zwischen als Nachbarstaaten fortgesetzt. Das war aber nicht möglich, weil Slobodan Milošević die gesamte Weltöffentlichkeit und die Serben betrogen hat. Sein Ziel war es damals, auf den Ruinen Jugoslawiens, ein ethnisch sauberes Großserbien zu schaffen. Es war nicht möglich mit ihm eine neue politische Vereinbarung zu treffen.

STANDARD: Woran ist das gescheitert?

Mesić: Das alte Modell hatte drei Faktoren, die uns zusammenhielten: Der erste war Tito mit seinem Charisma, zweitens der Bund der Kommunisten und drittens die Armee. Tito war weg, die Partei ist zerfallen und die Armee hat einen Sponsor gesucht und hat ihn in Milošević gefunden. Das war für ihn das Zeichen, dass er die Grenzen verändern kann. Deswegen hat er eine neue Vereinbarung abgelehnt.

STANDARD: Haben Sie den Krieg in Slowenien erwartet?

Mesić: Ja, die Welt hat Jugoslawien falsch wahrgenommen und war sentimental wegen der positiven Rolle Jugoslawiens, die es während des Kalten Kriegs gespielt hat. Milošević stellte es so dar, als würde er für Jugoslawien kämpfen und die Welt glaubte ihm. Aber er tat alles, um Jugoslawien zu zerstören. Er hat es so dargestellt, als würden alle Serben in einem Staat leben. Für sie war das eine Aufforderung zu den Waffen zu greifen und ihre Mitgift in die neuen Gebiete zu bringen. Als ich nach Belgrad kam, habe ich sofort gesagt, dass ich der letzte Präsident dieses Modells sein. Ein Freund von mir war mit Genscher befreundet. Es war wichtig, Genscher auf die Seite zu bekommen. Aber auch Genscher war sentimental gegenüber Jugoslawien. Wir hatten ein incognito Treffen gemeinsam mit Janez Drnovšek (der Slowene war von 1989 Vorsitzender des jugoslawischen Staatspräsidiums, Anm. der Red.) in Bonn. Das Gespräch sollte 20 Minuten dauern, geblieben sind wir aber viereinhalb Stunden. Ich habe Genscher meine Hauptthese dargelegt, dass Jugoslawien in der Form nicht erhalten bleiben kann und dass sich Milošević für den Krieg entschieden hatte.

STANDARD: Hat Genscher Ihnen geglaubt?

Mesić: Am Anfang nicht, da war er skeptisch. Aber dann war ich überzeugend. Ich habe ihm gesagt, dass der Krieg in Slowenien kurz sein wird, weil es in Slowenien keine autochthone serbische Bevölkerung gibt und Milošević nicht mit den Grenzen Sloweniens rechnete. Ich habe gesagt: In Kroatien wird der Krieg sehr blutig sein, denn Milošević will einen Teil des kroatischen Territoriums, in dem Serben leben. Und ich habe gesagt: Der Krieg in Bosnien-Herzegowina wird brutal und grausam sein, weil Milošević 63 Prozent des bosnisch-herzegowinischen Territoriums haben möchte. Und ich habe ihm gesagt, dass Serbien am Ende im Blut baden werde. Später hat sich gezeigt, dass ich mit allem recht haben würde. Es gab allerdings nicht in ganz Serbien ein Blutbad, sondern im Kosovo. Am Ende hat mir Genscher geglaubt und seine Frage war, wer Slowenien und Kroatien anerkennen werde, wenn diese sich für unabhängig erklärten. Ich habe gesagt: Ungarn wird uns anerkennen, Sie und der Vatikan. Und er hat dann gesagt: Ich glaube es wäre am besten wenn wir mit einem neutralen Staat beginnen. Das erste Land solle Island sein. Von Genscher bin ich dann zum Vatikan gefahren und habe dort Kardinal Angelo Sodano getroffen.

STANDARD: War das vor dem Krieg in Slowenien?

Mesić: Ja.

STANDARD: Was hat der Krieg in Slowenien für Kroatien bedeutet?

Mesić: Slowenien hatte eine Vereinbarung mit Milošević getroffen, dass sich die Armee aus Slowenien zurückzieht und das hieß, dass wir uns die Armee nach Kroatien und Bosnien-Herzegowina holen. Deshalb haben der bosnische Vertreter im Präsidium Bogić Bogićević und ich dagegen gestimmt. Wir haben gesagt: Wenn die Armee sich aus Slowenien zurückzieht, dann soll sie sich auch aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina zurückziehen.

STANDARD: Sie haben also gegen die Brijuni-Deklaration gestimmt. Ein Teil der Brijuni-Deklaration war ja doch auch, dass der Konflikt in Kroatien friedlich gelöst wird.

Mesić: Ja, aber die Jugoslawische Volksarmee war schon vollends mit eingebunden. Die haben die aufständischen Serben in Kroatien und Bosnien-Herzegowina mit Waffen beliefert.

STANDARD: Hat der Krieg in Slowenien die Haltung des Westens verändert?

Mesić: Europa hat am Ende gesehen, dass Milošević keine Vereinbarung will, aber es war schon zu spät. Der Krieg hatte sich schon ausgeweitet. Die Vereinten Nationen haben dann das Waffenembargo gegen Slowenien und Kroatien verkündet. Serbien hatte die gesamten Waffen der Jugoslawischen Volksarmee. Wir hatten laut der jugoslawischen Verfassung kein Recht, eine Armee aufzubauen. Also haben wir ein Ausweichmanöver gestartet und im Rahmen des Innenministeriums, die nationale Garde gegründet. Das ist so etwas wie die französische Gendarmerie oder die italienischen Carabinieri, also Polizisten, die lange Schusswaffen tragen dürfen. Das konnten wir aufgrund der Verfassung 1974. Als damals der Beschluss erlassen wurde, dass alle paramilitärischen Einheiten aufgelöst werden müssen, ging man in Serbien davon aus, dass dies auch auf diese Polizeieinheit zutrifft. Aber ich habe ihnen dann als Präsident von Jugoslawien erklärt, dass dies keine paramilitärische Einheit ist, sondern die Polizei. Aus dieser Einheit ist dann später unsere Armee geworden.

STANDARD: Sie haben bereits erwähnt, dass es in der Internationalen Gemeinschaft einen sentimentalen Zugang zu Jugoslawien gab. Was war der größte Fehler?

Mesić: Die Ursache des Problems waren eigentlich die Vereinten Nationen. Ich war in Brüssel, Paris und New York und habe vorgeschlagen, dass sich Internationalen Kräfte rein symbolisch an der Grenze zwischen Kroatien und Serbien und Bosnien-Herzegowina und Serbien stellen, um den Krieg zu verhindern. Dann hätten wir eine bessere Ausgangssituation gehabt. Das wäre eine Botschaft an Milošević gewesen: Ein Krieg wird nicht toleriert. Aber die Antwort der UNO lautete: Wir könne nicht präventiv wirken, wir können nur dann etwas tun, wenn es bereits zu einer kriegerischen Handlung gekommen ist. Deshalb bin ich auch heute noch der Ansicht, dass die Vereinten Nationen reformiert werden müssen und dem Sicherheitsrat die Befugnis gegeben werden soll, dass die UNO präventiv vorgehen kann.

STANDARD: Damals gab es eine Mission der Europäischen Gemeinschaft. Hat die etwas erreicht?

Mesić: Sie hat erreicht, dass teilweise die Intensität des Kriegs geringer wurde, aber sie hat die kriegerischen Auseinandersetzungen nicht verhindert, denn Milošević hatte ja die Grenze an der Linie Virovitica-Osijek-Karlobag gesteckt. Das bedeutete, dass ein Großteil Kroatiens abgespalten wurde. Er hat aber seine politischen Ziele im Lauf des Kriegs verändert. Er hat gesehen, dass Kroatien die eigenen Gebiete nicht aufgeben kann und wird und dass er sie nicht erobern kann. Dann hat er sich auf einen Teil Bosnien-Herzegowinas und den Kosovo konzentriert. Deswegen hat die intensive Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo begonnen, alle Albaner wurden in staatlichen und öffentlichen Einrichtungen gekündigt, Lehrer und Gesundheitspersonal. Sein Ziel war es zwei Millionen alteingesessene Albaner zu vertreiben, einen Teil nach Mazedonien und einen Teil nach Albanien. Und damit hätte er Mazedonien und Albanien destabilisiert.

STANDARD: Was war seine Strategie?

Mesić: Er war der Überzeugung, dass er damit die Internationale Gemeinschaft hinters Licht führen kann und diese ihn dann als stärksten Mann in der Region auffordern wird, Mazedonien und Albanien zu stabilisieren. Die Serben aus Kroatien wollte er im Kosovo ansiedeln, nachdem er den Kosovo ethnisch gesäubert hat. Die Flüchtlinge aus dem Kosovo durften deshalb keine Dokumente mitnehmen, die bestätigt hätten, dass sie dort Eigentum haben. Nach der Befreiungsaktion Oluja im Juli 1995 hat sich ein Großteil der serbischen Bevölkerung mit dem serbischen Militär aus Kroatien nach Serbien zurückgezogen. Er hat sich nicht dagegen aufgelehnt, dass die Serben aus Kroatien nach Serbien kommen, weil er brauchte die Masse an Bevölkerung, um den Kosovo zu besiedeln. Aber sein Plan ist fehlgeschlagen, weil die Albaner aus dem Kosovo nicht klein beigegeben haben, sondern die UÇK gegründet und gekämpft haben. Somit wurde der Kosovo nicht ethnisch gesäubert und die Serben aus Kroatien wollten ohnehin nicht in den Kosovo.

STANDARD: Wenn Milošević nur die Sprache der Waffen verstanden hat – wie es sich 1999 als die Nato und die UÇK im Kosovo agierten, zeigte – hätte man dann nicht schon viel früher militärisch gegen ihn vorgehen müssen, also bereits 1991? Waren die europäischen Politiker zu wenig scharf?

Mesić: Ja. Man hätte stärker auftreten müssen. Auf der anderen Seite war niemand da, der das hätten machen können. Die Europäische Gemeinschaft hatte keine Mechanismen, die Nato hat ihre erste Aktion erst im Kosovo gemacht. Sie war nicht vorbereitet. Das wusste Milošević genau. Er war ja nicht dumm, sondern innerlich verdorben. Er konnte das genau abschätzen. Es war für ihn eine Freikarte, fast eine Aufforderung, um die Jugoslawische Armee für seine Ziele einzusetzen, die dann später zur serbischen Armee geworden ist.

STANDARD: Haben Sie mit ihm gesprochen?

Mesić: Ich habe mich mit ihm nach einer Sitzung des Präsidiums beim Abendessen normal unterhalten. Ich habe ihm gesagt: Hör zu, Slobodan, dein Plan ist nicht Jugoslawien, sondern Großserbien. Aber pass auf, denn je länger das alles dauert, desto größer wird der Schaden für alle sein, letztendlich auch für Serbien! Denn Serbien wird der Schuldige sein für alle diese Auseinandersetzungen und wird in der Welt nicht gerne gesehen sein, es wird ein Schamzeichen tragen. Dich werden noch deine Serben auf der Strasse Terazije in Belgrad aufhängen! Milošević saß mit seinem Zigarillo und dem Whiskey da und sah mich an. Und dann habe ich ihm gesagt: Slobodan, ich habe nur eine Bitte. Er sagte: Lass hören! Dann sagte ich: Wenn sie Dich dort aufhängen, dann denke bitte an mich und ich werde an Dich denken! Und Milošević hat gesagt: Wir werden noch sehen, wer da aufgehängt wird!

STANDARD: Haben Sie ihn wieder gesehen?

Mesić: Ja in Den Haag, da war er als Beschuldigter und ich als Zeuge. Und ich habe ihm gesagt: Kannst Du Dich noch an unser Gespräch erinnern?

STANDARD: Was war die Rolle vom österreichischen Außenminister Alois Mock damals?

Mesić: Ich bin einmal nach Wien gefahren und habe mich gegen Mitternacht mit Mock getroffen. Er hat mir gesagt, ich sollte Präsident Franjo Tuđman ausrichten, dass es mit der österreichisch-kroatischen Freundschaft für immer vorbei sei, wenn sich Kroatien gemeinsam mit Serbien an der Aufteilung von Bosnien-Herzegowina beteiligen würde. Ich bin in der gleichen Nacht zurückgefahren und habe Tuđman gesagt, was Mock mir gesagt hat.

STANDARD: Wann war dieses Gespräch?

Mesić: Bevor ich als Präsident nach Belgrad gefahren bin (Mesić war von 30. Juni 1991 bis 6. Dezember 1991 Präsident Jugoslawiens).

STANDARD: Sie haben die HDZ dann auch wegen der Bosnien-Politik von Tuđman verlassen. Hat die HDZ heute noch immer strukturelle Probleme, die aus dieser Zeit stammen?

Mesić: Das größte Problem der HDZ ist, dass sie nicht als seriöse konservative Großpartei strukturiert wurde. Und ein Großteil der Mitglieder hat die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs nicht verstanden. Es gibt relativ viele, die diese revidieren wollen. Sie begreifen nicht, dass etwa die deutsche Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg eine Katharsis erlebt hat. Die Deutschen haben begriffen, dass sie unmögliche Ziele erreichen wollten und dafür haben sie einen hohen Preis bezahlt. In Deutschland würden solche Exzesse wie bei uns nicht toleriert.

STANDARD: Offensichtlich gibt es heute auch ein Führungsproblem in der HDZ, wenn man die jüngsten Aktionen von Tomislav Karamarko betrachtet.

Mesić: Karamarko war mein Kabinetts-Chef. Er ist ein Mensch für Aufgaben. Wenn man ihm einen Auftrag gibt, dann erfüllt er ihn. Aber er ist kein Mensch der Ideen.

STANDARD: Großbritannien stimmt diese Woche über den Brexit ab. Gibt es ähnliche Gründe für das Auseinanderdriften in der EU wie damals für das Auseinanderbrechen Jugoslawiens?

Mesić: Ich hoffe, dass Großbritannien die EU nicht verlassen wird. Weil den größten Schaden wird Großbritannien haben. Die Idee der Vereinigung Europas ist eine große Idee und ein Jahrtausendprojekt. Aber die EU hat drei grundlegende Aufgaben nicht erfüllt: Sie hat die institutionellen Fragen nicht gelöst, um als Gemeinschaft zu funktionieren. Zweitens gibt es keine gemeinsame, abgestimmte Währungspolitik. Und auch die Fiskalpolitik ist nicht vereinheitlicht. Europa hat sich nur auf sein bürokratisches Zentrum fokussiert, sodass in ganz Europa der Enthusiasmus nachgelassen hat. Jetzt braucht es eine neue Welle, damit auch der Rest Südosteuropas zur EU beitritt. Wenn Europa vereint ist, dann ist es ein global player. Aber nicht weniger wichtig, ist auch das politische Projekt, das dahinter steckt. Ein vereintes Europa schließt einen Krieg als politisches Mittel aus. Alle Kriege in Europa hatten das Ziel fremdes Territorium zu erobern und das wurde immer mit dem Schutz einer nationalen Minderheit in dem Gebiet begründet. Wenn aber Europa vollständig vereint ist, wird das nicht mehr der Fall sein. Das Motiv, dass man die eigene nationale Minderheit irgendwo schützen muss, fehlt weg, wenn es keine Grenzen mehr gibt. (Adelheid Wölfl, 25.6.2016)

Stjepan Mesic (81), Jurist, war 1989 Mitbegründer der Partei HDZ, die er 1994 verließ. Von 2000 bis 2010 war er Staatspräsident von Kroatien.

  • Stjepan Mesić war der letzte Präsident Jugoslawiens.
    foto: apa/afp/str

    Stjepan Mesić war der letzte Präsident Jugoslawiens.

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