Wifo-Chef Aiginger: Brexit ohne historisches Beispiel

Interview24. Juni 2016, 17:45
10 Postings

Ökonomen tappen im Dunkeln, die Auswirkungen des Brexit sind ungewiss. Im besten Fall wird er im Rest Europas kaum spürbar sein, sagt Karl Aiginger

STANDARD: Welche Auswirkungen hat der Austritt Großbritanniens auf die österreichische Wirtschaft?

Aiginger: Im normalen Abwicklungsfall, wenn Briten und EU-Vertreter im beiderseitigen Interesse neue Regeln aushandeln, die fortan gelten sollen, werden die Auswirkungen überschaubar sein. In der EU wird das Wachstum pro Jahr um 0,1 Prozent niedriger sein als ohne Brexit. Für Österreich wird der Wachstumsknick etwas kleiner ausfallen. Für die britische Wirtschaft rechnen wir damit, dass das Wachstum über die kommenden fünf Jahre zusammengerechnet um ein Prozent niedriger liegen wird.

STANDARD: Und wenn es nicht so glatt läuft?

Aiginger: Sollte die britische Regierung langwierig umgebildet werden oder Schotten und Nordiren dann noch eigene Unabhängigkeitsreferenden durchführen, wird der Prozess chaotisch. Hinzu kommt, dass ja auch in anderen EU-Ländern emotional geführte Diskussionen darüber beginnen könnten, ob man ohne EU nicht besser dran wäre. Dann verliert Europa an Handlungsfähigkeit. Die Folge wäre, dass an den Finanzmärkten Zweifel aufkommen, ob Europa für langfristige Investitionen noch tauglich ist. Europa hat stark davon profitiert, dass Anleger neben dem US-Dollar eine weitere Reservewährung wollten: den Euro. Wenn dieses Vertrauen weg ist, könnte das für mehrere Länder zu Finanzierungsproblemen führen.

STANDARD:Was ist die größte Gefahr für die britische Wirtschaft?

Aiginger: Wenn das ausländische Kapital den Standort London nicht mehr für zukunftsträchtig hält, weil der Zugang der City zum Binnenmarkt weg ist. In diesem Fall hat Großbritannien ein großes Problem. Die Briten importieren ja wesentlich mehr Waren, als sie exportieren. Um dieses Handelsbilanzdefizit finanzieren zu können, brauchen sie den stetigen Kapitalzustrom.

STANDARD:Wenn Investoren wirklich anfangen, der City of London den Rücken zu kehren, wäre das nicht auch eine Chance für die 27 EU-Länder?

Aiginger: Doch. Wenn es zu einer Verschiebung kommt, könnte davon auch Österreich profitieren, etwa indem man sich als alternativer Standort für Headquarters von Unternehmen und Finanzdienstleistern anbietet. Die wirtschaftliche Nähe zu Osteuropa wäre ja ein gutes Argument dafür, und Österreich ist nach dem Austritt Englands noch mehr in die Mitte Europas gerückt. Allerdings sollte Österreich unbedingt versuchen, seine im Vergleich kleinen, über die vergangenen Jahre allerdings kumulierten Probleme gleichzeitig oder besser noch vorher zu lösen. Die Regierung müsste eine klare Zukunftsstrategie für den Standort entwerfen. Dies sollte eine Klarstellung an Unternehmen und Investoren beinhalten, dass die hohe Abgabenquote und die Regulierungsdichte über die kommenden Jahre sinken und nicht noch weiter steigen werden. Sonst wird man schwer Investoren anlocken können.

STANDARD:Muss man nicht sagen, dass Ökonomen völlig im Dunkeln tappen im Hinblick darauf, was weiter geschieht?

Aiginger: Es ist richtig, es gibt keine brauchbaren historischen Erfahrungen mit der aktuellen Situation. Wir können nur Szenarien durchdenken. Eine Schubumkehr findet jetzt einmal in Großbritannien statt, wo man die Vorteile einer EU-Mitgliedschaft nicht mehr gesehen hat. Ein Teil der Brexit-Befürworter hat beklagt, dass in der EU zu viel reguliert wird. Ein anderer Teil hat aus Angst vor einem sozialen Abstieg, Migranten und einem enthemmten Wettbewerb für den Brexit votiert. Das halte ich für eine bemerkenswerte Konstellation. Die beste Gegenstrategie ist, Europa dynamischer, sozialer und ökologischer zu machen. Dann hören wir von Europa nicht nur in Krisenfällen und erkennen seine Vorteile. (András Szigetvari, 25.6.2016)

Zur Person

Karl Aiginger ist seit 2005 Chef des Wifo. Er ist Koordinator des Strategieprogramms "WWWforEurope" im Auftrag der EU-Kommission.

Weiterlesen

Grafik: Detailergebnisse aus den britischen Wahlkreisen

Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid: Die EU braucht eine Neuaufstellung

Kommentar von Christoph Prantner: Baba, Britain!

Kommentar von Sebastian Borger: Der Brexit ist da

Wirtschaft: Pfund stürzt ab, weltweites Börsenbeben

Live-Ticker zum EU-Referendum: Briten stimmen für Brexit

  • Aiginger: Kapitalabfluss würde die City of London treffen.
    foto: apa / punz

    Aiginger: Kapitalabfluss würde die City of London treffen.

Share if you care.