Der Brexit bedroht das Schlaraffenland

24. Juni 2016, 17:12
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Weitreichende Folgen für die Premier League: Den Klubs sind bei Transfers die Hände gebunden, man kann nicht mehr wahllos einkaufen gehen

London – Gary Lineker konnte es nicht fassen. "Bloody hell!", verdammter Mist, twitterte die englische Fußball-Legende Freitagfrüh, als sie vom Brexit erfuhr. Dann, eine gute halbe Stunde nach dem ersten Schock: "Was haben wir getan?" Wie dem ehemaligen Nationalteamstürmer ging es nach dem Volksentscheid für den EU-Austritt vielen Vertretern des Fußballs. Die Premier League, die reichste Liga der Welt, fürchtet um ihre Existenz. Ligaboss Richard Scudamore hatte zuvor betont, "leave" (verlassen) sei mit der "Kultur der Offenheit" der Premiership "unvereinbar". Kein Dimitri Payet, kein David De Gea oder Emre Can: Wenn der Brexit irgendwann umgesetzt wird, und davon ist auszugehen, muss die Liga für Spieler aus der EU oder EWR-Staaten wie Norwegen dichtmachen. Zumindest, wenn die seit 2015 auf Initiative der FA verschärften Bestimmungen für den Erhalt einer Arbeitserlaubnis nicht aufgeweicht werden.

Seitdem muss ein nichteuropäischer Profi einen gewissen Prozentsatz Länderspiele bestritten haben, wenn er auf die Insel wechseln will. Die Anzahl ist geringer, je höher das Land in der Weltrangliste platziert ist. Künftig sollen auch die Stars vom Kontinent unter diese Regeln fallen.

Verheerend

David Beckham schlug deshalb schon vor der Abstimmung Alarm. "Vielleicht hätten wir auch so Titel gewonnen", sagte er über seine große Zeit bei United, "aber die Mannschaft wurde besser und erfolgreicher durch den dänischen Torhüter Peter Schmeichel, die Führungsqualitäten des Iren Roy Keane und das Können des Franzosen Eric Cantona."

Karren Brady, Parlamentsabgeordnete der Tories und Vereinsvize von Payets Klub West Ham United, sieht "verheerende Konsequenzen" auf die Liga zukommen, und die durchaus angesehene Spieleragentin Rachel Anderson sagt: "Die EU zu verlassen hat einen viel größeren Effekt auf den Fußball, als die Leute denken."

Wie groß, belegen Zahlen der BBC und des Guardian. Zwei Drittel der 160 EU- und EWR-Spieler der Premier League hätten nie dorthin wechseln dürfen, wenn zum Transferzeitpunkt auch für sie die verschärften Bestimmungen gegolten hätten. Darunter Payet, De Gea und Can, aber auch Stars wie Juan Mata und Anthony Martial von ManUnited, die Meisterspieler Robert Huth und N'Golo Kanté (Leicester City), Samir Nasri, Jesús Navas, und, und, und. Auch ÖFB-Teamkapitän Christian Fuchs wäre nie und nimmer mit Leicester Champion geworden, Stoke hätte auf Marko Arnautovic verzichtet, und Watford hätte an einer Verpflichtung von Sebastian Prödl nicht einmal gedacht. Kevin Wimmer und Tottenham, ein Transfer der Unmöglichkeit.

Selbstständige Schotten?

Scudamore fürchtet "weltweiten Ansehensverlust" und einen milliardenschweren Imageschaden. Weil das britische Pfund am Freitag abstürzte, ist plötzlich auch der tolle bis außerirdische TV-Vertrag (sieben Milliarden Euro für drei Jahre) weniger wert. Und: Die 40 Millionen Euro, die West Ham für den Belgier Michy Batshuayi von Olympique Marseille bot, sind über Nacht 34 statt 31 Millionen Pfund. Arsène Wenger behält recht: Der Spielermarkt, hatte Arsenals Teammanager gesagt, stünde nach einem Brexit "vor unangenehmen Fragen".

Das gilt übrigens auch für den umgekehrten Weg. Der Waliser Gareth Bale hätte 2013 nicht so einfach von Tottenham zu Real Madrid wechseln können. In der spanischen Primera División nämlich gelten Beschränkungen für die Verpflichtung von Nicht-EU-Spielern.

Der deutsche Sportökonom und Ruder-Olympiasieger Wolfgang Maennig rechnet mit weiteren Auswirkungen. "Ich glaube, dass Schottland nach einem erneuten Referendum Großbritannien verlassen wird und es dann eine schottische Olympiamannschaft gibt." In einem ersten Referendum hatte sich Schottland 2014 mit 55,3 Prozent der Stimmen für den Verbleib im Vereinigten Königreich ausgesprochen. Regierungschefin Nicola Sturgeon kündigte am Freitag bereits eine neue Bürgerbefragung an. (red, sid, 24.6.2016)

  • Marko Arnautovic (links) und Christian Fuchs sind schneller als der Brexit gewesen.
    foto: apa/jaeger

    Marko Arnautovic (links) und Christian Fuchs sind schneller als der Brexit gewesen.

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