Bildfindungen zu Briefen von Bachmann und Celan

25. Juni 2016, 10:52
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Ausstellung anlässlich des 90. Geburtstags der Autorin in der Universitätsbibliothek Klagenfurt

Klagenfurt – Auf dem Dachboden der Familie Bachmann in der Klagenfurter Henselstraße sind vor kurzem in einer bisher wenig beachteten Mappe mit Schulheften und Zeitungsausschnitten zwei Briefe Paul Celans an Ingeborg Bachmann entdeckt worden. Sie datieren von 1958 und fügen der "wahrscheinlich größten und unglücklichsten Dichterliebe des 20. Jahrhunderts" (Iris Radisch) eine melodramatische Facette hinzu: Celan, der zu dieser Zeit verheiratet war und seit acht Jahren in Paris lebte, war willens, einer Verbindung mit Ingeborg Bachmann seine Ehe zu opfern.

In welchem Ausmaß die "unter ihrer Herkunft aus einer nationalsozialistischen Täterfamilie Leidende" (Anke Bosse, Musil-Institut Klagenfurt) den damals 37-jährigen Holocaust-Überlebenden existenziell berührte, bestätigt Celan in einem der beiden Briefe: "Es gibt ja kaum ein Gedicht, in dem ich nicht Raum für Dich gelassen hätte. Dieser Raum ist die Wahrheit der Gedichte. Als ich Weiß und Leicht schrieb, (...) kam dann, ganz zuletzt, das Wort 'Verlorne' herein. Ich wusste sofort, dass Du es warst, ich versuchte, mich zu wehren – aber Du musstest bleiben, um der Wahrheit willen."

Bibliophile Perle

Heute, am 25. Juni, wäre Ingeborg Bachmann (geboren 1926 in Klagenfurt, gestorben am 17. Oktober 1973 in Rom) 90 Jahre alt geworden. Die Klagenfurter Universitätsbibliothek hat den Geburtstag zum Anlass genommen, um in ihrer Ausstellungsreihe Kostbarkeiten über den Sommer eine kleine bibliophile Perle in ihrem Zeitschriftenlesesaal zu präsentieren: das druckgrafische Mappenwerk Zeit des Holunders der deutschen Illustratorin Petra Maria Lorenz.

Im Vorjahr in der Edition Leuchtkäfer in einer Auflage von 27 nummerierten Exemplaren erschienen, enthält es drei Originalgrafiken der Künstlerin sowie fünf Gedichte von Ingeborg Bachmann und sieben von Paul Celan. Dass sich alle Texte Celans auf Bachmann beziehen, von Bachmanns Texten aber nur drei auf Celan, zeichnet den historischen Ablauf einfühlsam nach: Sie wollte Celans Ehe nicht zerstören.

Pastellhafte Farbigkeit für das Zerbrechliche

Nach dem gescheiterten ersten Anlauf 1948/50 und einer äußerst sinnlichen Begegnung in einem Kölner Hotel 1957 distanzierte sie sich abrupt von einer neuerlichen Intensivierung der Beziehung.

Petra Maria Lorenz bettet die Texte, deren Wesen entsprechend, in zerbrechliche Bildfindungen. Ihre zarte, pastellhafte Farbigkeit erhält hier und da durch dunkle Konturen eine fast dramatische Sinnlichkeit. Aus einem anderen Blickwinkel erzählt das Mappenwerk noch einmal und durchaus gewinnbringend den in Buchform bereits vorliegenden Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan nach. (Michael Cerha, 25.6.2016)

Weiterlesen: "Phänomenales Gedächtnis ganz aus Flimmerhaar" – Hans Höller zum 90. Geburtstag der Autorin

  • Bibliophile Raritäten: das druckgrafische Mappenwerk "Zeit des Holunders" der Illustratorin Petra Maria Lorenz mit Gedichten von Ingeborg Bachmann und Paul Celan.
    foto: universitätsbibliothek klagenfurt

    Bibliophile Raritäten: das druckgrafische Mappenwerk "Zeit des Holunders" der Illustratorin Petra Maria Lorenz mit Gedichten von Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

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