Schönheitsindustrie in Venezuela: Glyzerinseife als Widerstandssymbol

Reportage26. Juni 2016, 09:00
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Die Schönheitsindustrie hat der Krise lang getrotzt. Nun entsteht eine Wirtschaft für Ersatzmittel

"Gibt es nicht", ist die häufigste Antwort dieser Tage in Caracas. Inflation und Mangel treiben täglich Tausende von Menschen im Morgengrauen auf die Straße, auf der Suche nach den preisregulierten Produkten wie Seife, Eier, Maismehl oder Windeln. Für diese muss man sich stundenlang vor den Supermärkten anstellen – und wird doch oft enttäuscht.

Die Versorgungsengpässe plagen nicht nur die Familien aller Schichten, sondern sind inzwischen auch im zweitwichtigsten Wirtschaftszweig nach dem Erdöl angekommen: der Schönheitsindustrie, die früher jährlich zwei Milliarden Dollar erwirtschaftete. Kein Land hat mehr Schönheitsköniginnen hervorgebracht als Venezuela. Die Miss-Wahlen galten im wirtschaftlich geplagten Venezuela bisher stets als eine der letzten Branchen, die noch funktionieren. Nun schlägt die Krise auch hier mit voller Wucht zu.

Die Inflation galoppiert

Die Quinta Lucchi ist eine alte Villa in La Castellana, einem der exklusivsten Viertel von Caracas. In Akademien wie dieser werden die zukünftigen Missen ausgebildet. Hier lernen die Anwärterinnen Manieren, Mode, Make-up und Rhetorik. Die Schönheitsindustrie ist einer der wenigen Wirtschaftszweige, die trotz sozialistischer Revolution in den Händen der bürgerlichen Elite geblieben sind. In guten Zeiten flogen die Familien zwei-, dreimal im Monat nach Miami. Nun ist der Erdölpreis von über 100 auf 40 US-Dollar pro Barrel abgestürzt, und dem Staat, der jetzt die Wirtschaft kontrolliert, reicht das Geld nicht mehr, um sowohl die Auslandsschulden als auch den heimischen Konsum zu bedienen. Die Konjunktur ist eingebrochen, die Inflation galoppiert.

Und trotzdem ist die Schönheit noch immer ein Geschäft, wie die Inhaberin der Akademie, Luisa Lucchi, beteuert. Und der Regierung ein Dorn im Auge. Die Frauen sollten sich nicht mehr föhnen, um Energie zu sparen, forderte Staatspräsident Nicolás Maduro neulich. Dem "Miss Venezuela"-Wettbewerb – Quotenrenner im venezolanischen Oppositionssender Venevision – teilte die Regierung kein Geld mehr zu.

Kein Geld für Implantate

Doch die Schönheitszaren lassen sich so leicht nicht unterkriegen. Die Kleider und das Make-up für den Wettbewerb werden von ausländischen Designern und Visagisten eingeflogen. "Es ist sehr schwierig, an Make-up oder Lippenstift zu kommen. Wir bitten reisende Freunde, uns etwas aus dem Ausland mitzubringen", erzählt Lucchi. In ihrer Akademie verkauft sie Wimperntusche und Eyeliner diverser Luxusmarken. Sie kosten ein halbes Monatsgehalt.

Der Mangel hat auch unverhoffte Nebenwirkungen. So hat er ein neues Schönheitsideal hervorgebracht: weniger Kurven, weil es keine Implantate gibt, so Lucchi. Ihre Akademie überlebt noch, auch wenn die Zahl der Schülerinnen gesunken ist. Weniger gut geht es ihrer Schuhfabrik. Sie war vor zwei Jahren kurz davor, durch billige chinesische Importe bankrottzugehen. Jetzt gibt es zwar keine Importe mehr und mehr Nachfrage – aber nicht genügend Stoffe, Leder und Kartonagen.

Andrea ist eine 14-Jährige mit schwarzen Locken, großen Augen und einer Zahnspange, die ihre weißen Zähne perfekt aufreiht. Andreas Vater hat zwei Jobs. Er betreibt einen Getränkehandel und verkauft nebenher als Schwarzhändler Fleisch, das er über dunkle Kanäle auftreibt. Manchmal begleitet ihn Andrea auf seinen Touren von Haus zu Haus oder erledigt Besorgungen für ihn, weil sie weiß, wie schwierig es heutzutage ist, in Venezuela drei Kinder durchzufüttern und ihre Kosmetika und Kleider zu kaufen. Aber die Familie hält es für eine gute Investition. Andrea will Model werden, um davon ihr Medizinstudium zu bezahlen. Rhetoriklehrerin und Schauspielerin Betty Hass zeigt Andrea nicht nur die richtige Aussprache, sondern gibt mittlerweile auch Ratschläge, wie man selbst Shampoo herstellen kann. "Glyzerin ist etwas leichter zu bekommen, und dank Youtube habe ich gelernt, daraus Shampoo selbst zu machen", erzählt die 58-Jährige.

Es ist ihre Art der Rebellion, um eine gewisse Kontrolle über ihr Leben zu behalten. Der Mangel regt die Fantasie an: "Wir sind jetzt zwangsläufig Vegetarier", lacht sie und erklärt, wie sie statt Industriezucker Honig oder braune Rohrzuckerhütchen verwendet oder statt Maismehlfladen nun Fladen aus Maniokmehl herstellt. "Ganz vorzüglich", betont Hass (26.6.2016)

  • Schülerinnen von Betty Hass müssen statt teurer Import-Schminkmittel Ersatz verwenden. Sie sehen es als Form des Widerstands.
    foto: weiss

    Schülerinnen von Betty Hass müssen statt teurer Import-Schminkmittel Ersatz verwenden. Sie sehen es als Form des Widerstands.

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