Grasl: "Weil der ORF unverwechselbar werden muss"

Interview24. Juni 2016, 16:13
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Am 9. August tritt Richard Grasl bei der ORF-Wahl an. Als Generaldirektor will er eine neue Führungskultur und mehr Brexit beim Frühfernsehen

STANDARD: Das erste heiße Eisen wartet im Herbst: Wie hoch setzt ein ORF-Generaldirektor Richard Grasl die Gebühren an?

Grasl: Wir ermitteln derzeit den Nettofinanzbedarf des ORF. Das Ergebnis wird im Herbst zeitgerecht fertig sein, daher ist noch kein seriöser Wert nennbar.

STANDARD: Ausschlaggebend für Ihre Kandidatur war, dass Sie Alexander Wrabetz nicht mehr als alleinigen Geschäftsführer akzeptieren wollen. Gibt’s weitere Gründe?

Grasl: Ich habe Respekt vor Alexander Wrabetz, sowohl persönlich als auch fachlich; und möchte dar über in der Öffentlichkeit keine Stellungnahme abgeben. Bei mir ist nur in den letzten Monaten, nach Gesprächen mit Mitarbeitern des Hauses, aber auch mit Leuten außerhalb, der Eindruck entstanden, dass es den Wunsch nach Veränderung gibt. Das betrifft die Frage, wie man in der Geschäftsführung Entscheidungen trifft, wie kommuniziert wird und welche Schwerpunkte wir setzen.

STANDARD: Wrabetz will mehr Mitspracherechte von Redakteuren. Wie stehen Sie dazu?

Grasl: Ich halte die Mitsprache von Redakteuren für ganz wichtig, glaube auch, dass man beim bestehenden Redakteursstatut etwas tun muss. Ich halte nur die Variante, nach einem Jahr einen Redaktionsleiter durch sein Team abwählen zu lassen, für nicht den besten Weg. Ich kann mir nicht vorstellen, wie in diesem einen Jahr das Klima in der Redaktion wäre. Ich werde aber mit den Vertretern Gespräche aufnehmen, weil ich zuletzt bemerkt habe, dass bei einigen Bestellungen am Schluss sehr viele Beschädigte übrig geblieben sind.

STANDARD: Übrig bleibt mitunter ein den Parteien gefälliger Kandidat. Wie gehen Sie damit um?

Grasl: Es ist klar, dass eine völlig unabhängige Information für den ORF überlebenswichtig ist. Das ist aber im Augenblick auch gegeben. Die Aufgabe der Geschäftsführung ist, das zu schützen. Und im Management ist ein Teammodell wohl mit Sicherheit unabhängiger, weil nicht einer alleine, auf den eventuell Druck ausgeübt wird, diesem nachgeben könnte.

STANDARD: Was sagt Ihr Konzept über den Infochef des ORF?

Grasl: Die Information ist aus meiner Sicht so das Herzstück
des öffentlich-rechtlichen ORF, sodass ich glaube, dass die Information auch in der Organisation eine stärkere Verankerung haben sollte. Allerdings wird es mit mir definitiv keinen zentralen Informationsverantwortlichen geben – und zwar auf keiner Ebene.

STANDARD: Betrifft das auch das Frühstücksfernsehen?

Grasl: Sicher muss man auch dar über diskutieren, ob hier mehr Information möglich wäre. Zum Beispiel beim Brexit am Freitag hätte ich das ganz gut gefunden.

STANDARD: Wer wäre der/die beste für den Job des Infochefs? Zu-
letzt hörte man von Kontakten
zu "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak? Es soll gewisse Interessen geben.

Grasl: Alles reine Spekulation und nicht richtig. Der jetzige Zeitpunkt ist nicht geeignet, um über Namen zu sprechen.

STANDARD: Angeblich möchten Sie die Technikdirektion auflösen?

Grasl: Unsere Technik gehört zu den besten Europas, siehe Neujahrskonzert, Hahnenkammrennen oder Dancing Stars. Die Frage, wie eine optimale Organisationsstruktur ausschauen kann, wird man sich aber stellen, ich möchte aber meiner Bewerbung und allfälligen Gesprächen nicht vorgreifen.

STANDARD: Der hohe Anteil an Kaufware auf ORF 1 stört Sie schon länger. Was würden Sie tun?

Grasl: Sicher eine schwierige Aufgabe, weil der ORF unverwechselbarer werden muss. Das werden wir, wenn wir auf österreichische Produkte setzen. Ich weiß aber, dass das mehr Geld kostet als amerikanische Kaufware. Daher wird es eine zentrale Aufgabe des Teams sein, zu überlegen, wie setzen wir die Mittel so ein, um den Eigencharakter stärken zu können. Das geht nicht, wenn das einer dekretiert. Genau deshalb muss man in einem Vorstandsmodell gemeinsam zu einer guten Lösung kommen.

STANDARD: Am trimedialen Newsroom würden Sie festhalten?

Grasl: Selbstverständlich. Die Zusammenfassung unserer Redaktionen ist eine sehr gute Idee. Über Ausgestaltung und Zusammenarbeit muss man aber reden. Es darf kein Einheitsbrei entstehen. Wer der Idee einer Contentmaschine anhängt, hat den Sinn des multimedialen Newsrooms nicht begriffen. Ich komme aus einer Zeit, als ZiB 2 und ZiB 1 verschiedene Sendungsteams hatten. Wir von der ZiB 2 haben jeden Morgen überlegt, wie wir heute die beste Sendung machen können, und der interne Wettbewerb mit der ZiB 1 hat uns belebt. Wichtig ist eine Fokussierung auf ein Produkt und nicht ein Bespielen quer über alle Medien.

STANDARD: Gibt’s unter einem ORF-Generaldirektor Richard Grasl auch "die größte Programmreform aller Zeiten"?

Grasl: Nein. Es ist nicht mein Stil, eine Maßnahme öffentlich zu kritisieren, die in der ersten Geschäftsperiode des Generaldirektors nicht so gut gelaufen ist. Man muss hart arbeiten und Einzelmaßnahmen setzen, aber natürlich kann dabei auch mal etwas schiefgehen. Dann muss man halt entsprechend reagieren.

STANDARD: Und wenn’s nicht klappt – gibt’s dann den "Graxit"?

Grasl: Damit beschäftige ich mich wirklich nicht. Ich bin ein positiv denkender Mensch und glaube daran, dass ich gewählt werde.

STANDARD: Kolportiert wird ein Angebot der Lotterien. Wäre das eine Option?

Grasl: Nein, es gibt weder Gespräche noch ein Angebot. So funktioniert das nicht mehr im Jahr 2016. (Doris Priesching, 24.6.2016)

Rirchard Grasl (43) war ORF-Chefredakteur in Niederösterreich und ist seit 2010 kaufmännischer Direktor des ORF. Am 9. August tritt er gegen Alexander Wrabetz um die Führung des Unternehmens an.

Nachlese:

  • Richard Grasl tritt am 9. August bei der ORF-Wahl gegen Alexander Wrabetz an.
    foto: apa / georg hochmuth

    Richard Grasl tritt am 9. August bei der ORF-Wahl gegen Alexander Wrabetz an.

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