Kroatien und das Ende der Bescheidenheit

24. Juni 2016, 14:26
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Kroatien sieht sich nach dem Sieg über Spanien schon auf dem Durchmarsch ins Finale. Das von Ronaldo und seiner Tagesform abhängige Portugal, das sich als Dritter aus der Österreichgruppe hochgekämpft hat, sieht das klarerweise anders

Lens – Dass die Papiere, auf denen jeweils die Form von Fußballteams notiert wurde, immer wieder hervorgekramt werden, nervt nicht nur Danijel Subasic. Den Goalie von AS Monaco aber auch. Immer wieder wird er auf das starke Team des Cristiano Ronaldo angesprochen. "Es ist genug, immer wieder über ihn zu reden, ich mag nicht mehr. Ich sehe ihn ja andauernd im Fernsehen." Am Samstag ab 21 Uhr (Liveticker auf derStandard.at) wird er das aber nicht können, da steht er dem Fernsehstar leibhaftig gegenüber und wird zu tun haben, was Österreichs Robert Almer getan hat: Ronaldo den Nerv ziehen.

Dass es ihm und der kroatischen Nationalmannschaft gelingen wird, ist daheim nicht und europaweit kaum umstritten. Spätestens seit dem Sieg über Spanien – der noch dazu ohne Luka Modric zustande gekommen ist – gilt das kleine, so ballsichere Land als deutlich mehr als ein Geheimtipp für das Finale.

Das News-Portal 24 sata (24 Stunden) schreibt: "Diese Generation hat eine große Chance, dass nicht Modric ihr Gesicht wird, nicht Perisic, kein Einzelspieler, sondern dass sie als eine großartige Mannschaft in Erinnerung bleibt." Damals, 1998 in Frankreich, als Kroatien WM-Dritter geworden ist, sei das Team "nur Suker" gewesen. Jetzt will man – und "man" umfasst wohl auch den jetzigen Verbandschef Davor Suker – nicht mehr bloß ins Halbfinale kommen.

Die Bescheidenheit

Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter – so in reimtechnisch korrekter, aber grammatikalisch verheerender Weise – kommt man ohne ihr. Nikola Kalinic, gegen Spanien einer der Besten, behauptet denn auch stolz: "Wir sind eins der besten Teams bei dieser EM. Unser Mittelfeld ist eindeutig das stärkste hier."

Ja, ist es. Modric vom Champions-League-Sieger Real, Ivan Rakitic von dessen Vorgänger Barcelona, Marcelo Brozovic und Ivan Perisic von Inter Mailand, Milan Badelj vom AC Florenz – das spielstarke, taktisch intelligente Mittelfeld gehört tatsächlich zum Besten. Nun hat sich auch Mario Mandzukic von Juve gesundgemeldet. Und all das – so darf man wohlmeinend wohl interpretieren Richtung Achtelfinalgegner Portugal – heißt nichts anderes als: Fürchtet euch!

Der Respekt

Werden sie wahrscheinlich eher nicht tun. Aber Respekt haben sie fraglos, die Untertanen des Ronaldo von der Habsburg'schen Exilinsel Madeira. Ihre ballesterische Majestät, die den Aufstieg ins Achtelfinale mit zwei Toren und einer schönen Vorlage beim 3:3 gegen Ungarn wieder allein geschupft hat, ist jedenfalls angetan: "Kroatien hat eine super Mannschaft", sagte der EM-Rekordspieler, "und mein Freund Luka führt sie an."

Aus dessen Freundeskreis vernimmt man Zustimmung. "Wir haben zwar großen Respekt vor Portugal", lüpft etwa Nikola Kalinic den Hut, "aber wir sind eine der besten, wenn nicht sogar die beste Mannschaft bei diesem Turnier. Diese Europameisterschaft ist unsere große Chance."

Portugal, das 2004 daheim im Finale gegen Griechenland gescheitert war, wittert diese auch. "Jetzt", sagte Renato Sanches von Benfica, der demnächst nach Bayer siedelt, "fängt alles wieder bei null an, unserer Mannschaft fehlt nichts. Auch wir haben alles." Den zwangsweise neutralen Zuschauer würd's freuen, wenn's so warat. (sid, wei, 24.6.2016)

Mögliche Aufstellungen, EM-Achtelfinale:

Kroatien – Portugal (Samstag, 21.00 Uhr, Lens, Stade Bollaert-Delelis, SR Carballo/ESP)

Kroatien: 23 Subasic – 11 Srna, 5 Corluka, 21 Vida, 3 Strinic – 10 Modric, 19 Badelj – 14 Brozovic, 7 Rakitic, 4 Perisic – 17 Mandzukic

Ersatz: 1 Vargic, 12 Kalinic – 2 Vrsaljko, 6 Jedvaj, 8 Kovacic, 13 Schildenfeld, 15 Rog, 18 Coric, 9 Kramaric, 16 Kalinic, 20 Pjaca, 22 Cop

Portugal: 1 Rui Patricio – 11 Vieirinha, 3 Pepe, 6 R. Carvalho, 5 Guerreiro – 10 Mario, 14 W. Carvalho, 8 Moutinho, 15 A. Gomes – 17 Nani, 7 Ronaldo

Ersatz: 12 Lopes, 22 Eduardo – 2 B. Alves, 4 Fonte, 19 Eliseu, 21 Cedric, 13 Danilo, 16 R. Sanches, 18 R. Silva, 23 A. Silva, 9 Eder, 20 Quaresma

  • Spanien haben die Kroaten bereits den Herrn gezeigt, gegen Portugal soll das nicht anders sein.
    foto: reuters/dalder

    Spanien haben die Kroaten bereits den Herrn gezeigt, gegen Portugal soll das nicht anders sein.

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