Julya Rabinowich: Alpha, Omega und Wiener Neustadt

Kolumne24. Juni 2016, 17:00
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Eine Revolution muss ernstlich und bald her. Buchhändler aller Länder, vereinigt euch!

Die letzte Lesung in einer langen Lesungsreihe: Das ist dem Alpha sein Omega.

Oder, um weniger pathetisch zu sein: Sie ist so zufriedenstellend wie ein Eisbecher mit Amarenakirschen (im Normalfall leider nur spärlich von der Eismenschen Hand auf den Coup gestreut), die nie zur Neige gehen. Ich schwöre, irgendwann einmal mache ich einen Traum wahr und kaufe mir einen ganzen blaugemusterten Tontopf voll sirupglänzender Amarenakirschen und futtere die auf einmal. Ganz allein.

Der Rest der Familie war schon sommerlich in alle vier Winde zerstreut. Der Hund hatte somit keine Bleibe und wurde von mir gnadenlos mitgeschleift und heftig um alle seine Erwartungen geprellt. Die Abenteuerlust drang ihm bereits aus jeder Pore, als wir zu zweit am Bahnhof eintrafen: Bahnhof bedeutete Urlaub, Wald und See, lange Spaziergänge und eine Menge Grashüpfer in der blumenremixten Wiese. In Kauf genommenes Zeckenklauben inklusive.

Der Zug fuhr zwar nach Klagenfurt, aber in Wiener Neustadt war schon wieder Schluss mit Hunde-Vorfreude. Wir stiegen zu seiner größten Empörung wieder aus. Das Ende der Lesetour war das neue Literaturfestival kopf:an:stöße, verstreut über die ganze Altstadt, deren Ladenbesitzer übrigens unter heftigem Besucherschwund leiden.

Dabei gibt es dort eine wunderschöne, alte Buchhandlung, Thiel, die sage und schreibe seit 1789 besteht und damit eine der ältesten österreichischen Buchhandlungen ist. Ein Familienbetrieb, sorgsam von Generation zu Generation weitergegeben. Ein mehrgeschoßiger Ort mit Holztreppen und wandweise Büchern, Büchern, Büchern.

Beim Lesen diverser historischer Begebenheit in diesen historischen Räumen beschlich mich ein an die Situation angepasstes sehr historisches Gefühl: jenes der heftigen Zuneigung zu Buchrücken und Papierkörpern, Eselsohren, Tränen- und Kaffeeflecken auf abgegriffenen Seiten, altem Holz und gewundenen kleinen Gässchen. Trotz aller durchaus vorhandenen Digitalaffinität eine ebenso geliebte Gegenwelt, von Wirtschaftsflüchtlingen wie Amazon empfindlich bedroht. Eine Revolution muss ernstlich und bald her.

Man möchte am liebsten schon Plakate fertigen. Mit "Buchhändler aller Länder, vereinigt euch!" darauf. Und dann noch: "Amarenakirschen für alle!" (Julya Rabinowich, 25.6.2016)

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