Peter Truschner: Das Hohelied des Konformismus

Essay25. Juni 2016, 09:00
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Studierende werden heute weniger an die Kunst als an den Betrieb und seine Spielarten herangeführt. An die Stelle der Literatur ist der Buchhandel getreten. Über die fehlende Bereitschaft, sich angreifbar zu machen

Das ist so unglamourös", sagt die Studentin enttäuscht. Ihr Blick schweift über das bescheidene Zeltfestambiente des Ingeborg-Bachmann-Preises 2015: die kleinen und unter Sonneneinstrahlung unerträglich heißen Plastikzelte, die Bierbänke und das spärliche Literaturbetriebspersonal, das nach den Lesungen ausharrt. Die Studentin gehört zu einer etwas verloren wirkenden Gruppe vom Studiengang "Kreatives Schreiben" aus Hildesheim. Vielleicht hat sie gehofft, es käme zu leidenschaftlichen Debatten über Relevanz und Brisanz des Schreibens, wie das einst der Fall war?

Ein Grund für die dröge Atmosphäre liegt darin, dass es kaum noch ein nennenswertes Publikum gibt, das sich für die Veranstaltung in dieser Form und an diesem Ort interessiert – der zuständige Landesrat für Kultur findet es nicht einmal der Mühe wert, bei der Eröffnung zu erscheinen. Dieser Mangel an Resonanz, der für den gesellschaftlichen Bedeutungsverlust nicht nur der Literatur, sondern der Kunst im Allgemeinen steht, hinterlässt überall seine Spuren: beim Publikum, das nur noch auf medial gehypte Namen anspricht; bei den Veranstaltern, die immer mehr unter dem Druck stehen, Events produzieren zu müssen; bei den öffentlichen und privaten Geldgebern, die verstärkt auf bereits Bewährtes oder Großspuriges setzen.

Was also erhoffen sich die Studierenden einer Schauspielschule oder eines Hochschullehrgangs für kreatives Schreiben? Und wie sieht der Kulturbetrieb aus, für den sie vorbereitet werden?

Generation der Zufriedenen

Die Lage der meisten Studierenden künstlerischer Berufe ist geprägt von Widersprüchen. Einerseits sind sie die Kinder der "Generation der Zufriedenen", bei der "jeder Zwanzigste mit einem Erbe von 300.000 Euro rechnen kann" (FAZ). Tatsächlich ist es inzwischen wieder so, dass nicht wenige ihr Leben als "freie" Kreative nur mithilfe einer Vorauszahlung aufs Erbe bewerkstelligen. Andererseits hat es sich herumgesprochen, dass eklatant mehr Leute in den Künsten ausgebildet werden, als am Ende davon werden leben können. Das macht aus Mitstreitern von Beginn an Konkurrenten, die auf der Jagd sind nach einer möglichst renommierten Referenz (Seminar bei Ai Weiwei ist etwa in Berlin hoch im Kurs) und dem Erfolgslebenslauf. Sehr bald erkennen sie, dass es die in den Medien beschworenen partizipativen Strukturen und flachen Hierarchien im Kulturbetrieb nicht gibt, vor allem nicht im Bereich Film/Fernsehen und am Theater.

Beide Betriebe weisen starre bürokratische Strukturen und ein immer größer werdendes Einkommensgefälle auf. Am Theater etwa hat sich eine von allen Seiten hofierte Schicht von IntendantInnen und RegisseurInnen ausgeprägt, die sich gegenseitig die lukrativsten Inszenierungsaufträge zuschanzen, sodass sie wie die Maden im Speck leben, während gleichzeitig junge SchauspielerInnen und DramaturgInnen mit 1200 Euro im Monat auskommen und – wenn sie etwa in München leben – nebenbei kellnern müssen. Zustände, die niemanden kratzen: die Theaterbetriebsmenschen nicht, deren beruflicher Ehrgeiz darauf zielt, selbst einmal dieser Schicht anzugehören; die KritikerInnen nicht, die sich mit dem arrangieren, was sie geboten bekommen; das Publikum nicht, das dem Theater ohnehin keine Bedeutung für die Gesellschaft mehr beimisst. Im Fernsehen ist die Situation im Grunde gleich, zudem undurchsichtiger mit all den zuliefernden Tochterfirmen, an denen MitarbeiterInnen manchmal direkt oder indirekt beteiligt sind.

Hunger nach Bürgerlichkeit

Einen Aufstand gibt es unter den Studierenden deswegen nicht. Einerseits haben sie sich an den konsum- und mainstreamintensiven Wohlstand gewöhnt, in dem sie aufgewachsen sind; andererseits haben sie bei der Generation ihrer Eltern mitbekommen, dass man es sich in den Verhältnissen am besten so gemütlich wie möglich macht. Die jungen Leute sind informierter als jede Generation zuvor und wissen nur zu gut, dass jeder pathetische Slogan wie "Theater muss sein!" einen doppelten Boden hat und es zuletzt doch immer nur um Festanstellungen, Honorare, Renten und Immobilien geht. Und gleich, ob Jung oder Alt: Größer als der Hunger nach der Kunst ist langfristig der Hunger nach der Bürgerlichkeit und den Insignien bürgerlichen Erfolgs. Diejenigen, die anders und für etwas anderes leben wollen, wenden sich vom Betrieb zumeist ab.

Auch wenn Georg Seeßlen Gestalten wie Jeff Koons oder Ólafur Elíasson meint, wenn er schreibt: "Nie haben KünstlerInnen in einer Gesellschaft so viel Frei- und Spielraum gehabt wie in unserer, und noch nie haben sie als Berufsstand ein so jämmerliches Bild abgegeben", muss man vielleicht bis in die Zeit des Salon de Paris zurückgehen, um so viele Talente wie heute zu finden, deren inniger Wunsch es ist, zu willfährigen LieferantInnen ihrer Verlage, Galerien, Programm- und Theaterdirektionen zu werden. Sie wollen in dieser Geschäftsbeziehung nicht unangenehm auffallen, brav und fleißig sein, denn sie wissen nur allzu gut, wie austauschbar sie sind. "Unsere Uraufführungsheißluftmaschine verschleißt Autoren und normiert deren Werke", sagt der Regisseur Michael Thalheimer. "Die Autoren stehen unter Zeitdruck und sollen einfach irgendwas abliefern, Hauptsache, Uraufführung."

"Geil soll es sein und irgendwie anders", so Bert Neumann, "aber stören darf es nicht" – vor allem nicht den Betrieb selbst. Der Nachwuchs hat sich mit der innovationsfreien Inflexibilität der Strukturen abgefunden. "Es ist ein System, an dem wir nicht vorbeikommen, wenn wir von unserem Beruf leben wollen", so die Regisseurin Julia von Heinz. Direkte Kritik bleibt aus "Sorge, dass man es sich mit zukünftigen Geldgebern verscherzt", weitgehend aus.

Katzenbuckel, Speichellecken

Diese eher resignative Haltung hat auch damit zu tun, dass nichts, was in den letzten 20 Jahren für eine kulturelle Innovation stand, seinen Ursprung im deutschsprachigen Raum hat – auch, weil es die dafür unabkömmliche Start-up-Mentalität nicht gibt, die verlangt, dass man jungen Kreativen einfach mal einen Vorschuss an Vertrauen und Geld schenkt, damit sie ohne inhaltliche oder formale Einschränkungen die ihrer Zeit gemäßen Narrative und Formate produzieren können, ohne erst jahrelang Erfahrung mit dem systemimmanenten Katzbuckeln und Speichellecken machen zu müssen.

Die Situation im deutschsprachigen Kulturbetrieb ist geprägt von der Besitzstandswahrung, dem prinzipiellen Misstrauen allem Neuen gegenüber und einer daraus resultierenden, bizarren Schlaufe aus intellektueller Überalterung und künstlerischer Frühvergreisung. An entschlossene Reformen oder ein Interesse vonseiten der Politik an der Kunst glaubt sowieso niemand mehr. Mutige, innovationsfreudige Kunst war die letzten Jahre woanders zu besichtigen: beim Filmfestival in Seoul, in US-amerikanischen TV-Serien, in Peking und Teheran, wo man schon mal riskiert, für seine Filme, Fotos und Texte ins Gefängnis zu kommen – und sie dennoch oder erst recht macht. "Wenn das deutsche Fernsehen dann Innovatives abkupfert", so Jan Freitag, "wird die Ursprungsradikalität so lange poliert, bis das Resultat massentauglich ist." Nicht anders verfährt man mit den radikalen Projekten junger einheimischer Talente.

Was in unseren Breitengraden dagegen blüht, ist der Konformismus. Giovanni di Lorenzo meint zwar den Journalismus, legt jedoch wie nebenbei den Finger auf ein zentrales Problem: "Ich glaube, unser Personal ist zu einheitlich sozialisiert. Die Milieus sind zu ähnlich. Wenn Redaktionen neue Leute holen, holen sie jemanden, ,der zu uns passt'. Außerdem wollen wir bei der Beurteilung auf der richtigen Seite stehen. Man stellt sich nicht so gerne gegen den Rest, denn dann kriegt man selbst ein paar Spritzer ab." Di Lorenzo muss es wissen, er ist Chefredakteur der Zeit, einer Hochburg des bildungsbürgerlichen Konformismus, womit er jedoch nicht weiter aus dem Rahmen fällt, da der Konformismus bei Medien und Publikum schlichtweg zur Conditio sine qua non geworden ist.

Safer Space, Trigger-Warnung

Doch nicht nur Redaktionen, Dramaturgien und Lektorate üben einen Konformitätsdruck aus. Abgesehen vom religiösen Fundamentalismus sowie dem in der Flüchtlingskrise stärker werdenden rechten Rand, die einen Druck von außen darstellen und nicht nur der Freiheit der Kunst zu gern den Garaus machen, gibt es auch einen Druck von innen, der von realen und gedanklichen "Safe Spaces" und "Trigger-Warnungen" geprägt und deshalb besonders perfid ist, weil er im Namen von Respekt und Toleranz daherkommt. Jeder strebt danach, auf der richtigen Seite zu stehen, sich unangreifbar zu machen und nicht in den Verdacht zu geraten, anzugreifen, zumindest nicht jemanden, der – anders als die neue Rechte – nicht eindeutig als "Feind" klassifiziert ist.

Die Mechanismen dieser "linken'" Spielart des Konformismus hat Georg Seeßlen treffend beschrieben: Political Correctness und Trigger-Warnung waren einmal als "Waffe der Unterprivilegierten gegen die Privilegierten" konzipiert. Inzwischen kann man dabei "viel eher eine Strategie der Mitte am Werk sehen, sich nach allen Seiten abzusichern", die in den "Konformismus einer Kontrollgesellschaft" mündet. (...) "Die marktförmige Gesellschaft des Neoliberalismus ist durchzogen von einer Kultur der Kränkung. Vielleicht sind Safe Spaces und Trigger-Warnungen auch Reaktionen auf einen Konformitätsdruck, dem man einzeln nicht gewachsen ist.

Neue Empfindsamkeit

Die Empfindlichkeit entspricht dabei dem Druck, der auf das Individuum ausgeübt wird. Wer von den vorgeschriebenen Codes abweicht, muss wissen, dass das die Karriereaussichten reduziert." Das Gefühl politischer und ökonomischer Ohnmacht angesichts der globalen Dimension der Problemlagen führt zu einem "(...) Rückzug ins Private. Je weniger das Große zu verändern ist, desto empfindlicher wird man im Kleinen. Die neue Empfindsamkeit ist dabei kaum vorzustellen ohne die subjektive Erfahrung von politischer Ohnmacht. Die Nerven müssen dort blankliegen, wo noch das wenige, das erreicht wurde, wieder in Gefahr ist."

Ob es dabei so weit kommt wie in den USA, wo es etwa an der Columbia University eine Trigger-Warnung für das Seminar von Ovids Metamorphosen gab, weil die Zunge, die Philomena abgeschnitten wird, die Gefühle von Frauen, die Gewalt erlitten haben, verletzen könnte? Es gibt auch so genug künstlerische Elaborate, die den Rahmen des politisch Korrekten nicht verlassen und durchsetzt sind von subtilen, teils unbewussten "Sprechverboten und Drohgebärden" (Thierry Chervel). Dies passiert nicht zufällig Werken mit den besten Absichten, wie etwa Jenny Erpenbecks Flüchtlingsroman Gehen, ging, gegangen, dem eine Kritikerin der Welt entsprechend beschied, er liefere "Paradebeispiele für eine Diversitätskampagne der Grünen". Aufseiten der Kritik mündet das oft in ein schräges Pathos. So behauptet Andreas Platthaus in der FAZ, die zehn Tage zwischen Alexijewitschs Nobelpreis und Kermanis Paulskirchen-Rede hätten "die Welt verbessert", während Michael Jäger im Freitag KritikerInnen, die der Sentimentalität von Kermanis Paulskirchen-Gebet nicht folgen wollten, beschied: "Toleranz kommt so nicht zustande. Eher kommt etwas heraus, das dem IS-Terror nicht unähnlich ist."

Was bedeutet das nun?

Was bedeutet das nun für die Hildesheimer Studierenden? Die allgemeinen Verhältnisse des Kulturbetriebs gelten selbstverständlich auch für sie. In Literaturinstituten wie Hildesheim und Leipzig werden sie – nicht anders als an der DFFB oder dem Reinhardt-Seminar – weniger an die Kunst als an den Betrieb und seine Spielregeln herangeführt. An die Stelle der Literatur ist ohnehin der Buchhandel getreten, aus den KritikerInnen sind meist ModeratorInnen geworden, die versuchen, die Produktkette vom Buchhandel zum Publikum einigermaßen zu regulieren, auch wenn das bedeutet, dass man bei Gelegenheit Bücher wie Feuchtgebiete zu kulturellen Ereignissen hochstilisiert. Die Leser und Zuschauer sind über ihrem Wohlstand träge und denkfaul geworden, die Kunst ist – im Gegensatz zum iPhone oder zum SUV – ein vernachlässigbares Element ihres Lifestyles.

Da ist es für alle von Vorteil, dass der Ehrgeiz der meisten Talente ohnehin nicht auf die Kunst zielt, sondern darauf, sich – nicht anders als die meisten Etablierten – ein warmes Betriebsplätzchen zu sichern. Um Kunst zu machen, bedarf es ziemlich genau des Gegenteils dessen, was Giovanni di Lorenzo als gängigen Betriebsmodus skizziert. Es braucht die Bereitschaft, sich angreifbar zu machen und andere anzugreifen. Sich seine Zeit zu nehmen. Sich zu erlauben, in die Irre zu gehen und sich unbeliebt zu machen. Die Unbehaustheit anzunehmen, dass man weder in der Mitte noch links oder rechts davon wirklich beheimatet ist. Ein Dissident zu sein, kein Mitläufer. Zu akzeptieren, dass konsequentes künstlerisches Handeln nicht immer eine Belohnung nach sich zieht, dafür jedoch so gut wie immer ein Opfer verlangt.

Um eine aufregende, gegenwartssatte und zukunftsweisende Kunst zu schaffen, müssen Wege aus der aktuellen Situation gefunden werden, die eine zähe Mischung aus institutioneller Bürokratie und bürgerlichem Hedonismus darstellt. Ob das gelingt und wie – und zwar nicht nur als individuelle Leistung von EinzelkämpferInnen -, wird in den nächsten Jahren interessant zu beobachten sein. Eines ist klar: Für eine Veränderung müssen die jungen Kreativen wie einst in den 1960er- und 1970er-Jahren selbst sorgen, der Betrieb wird ihnen auf dem Weg dorthin in absehbarer Zeit nicht entgegenkommen. (Peter Truschner, 25.6.2016)

Peter Truschner (48) ist ein österreichischer Schriftsteller und Fotograf, der seit 1999 in Berlin lebt. 2016 erschien zuletzt bei Peperoni Books sein Foto/Text-Buch "Bangkok Struggle", das den Überlebenskampf einfacher Arbeiter und Händlerinnen in Bangkok zeigt.

www.peter-truschner.net

  • Keine bessere Welt: Veranstaltungen unter dem Druck, Events zu sein ... Das Bachmann-Wettlesen 2016 findet von 29. Juni bis 3. Juli in Klagenfurt statt.
    foto: orf

    Keine bessere Welt: Veranstaltungen unter dem Druck, Events zu sein ... Das Bachmann-Wettlesen 2016 findet von 29. Juni bis 3. Juli in Klagenfurt statt.

  • Truschner, kein Mitläufer: "Sich zu erlauben, in die Irre zu gehen und sich unbeliebt zu machen. Die Unbehaustheit anzunehmen, dass man weder in der Mitte noch links oder rechts davon beheimatet ist."

    Truschner, kein Mitläufer: "Sich zu erlauben, in die Irre zu gehen und sich unbeliebt zu machen. Die Unbehaustheit anzunehmen, dass man weder in der Mitte noch links oder rechts davon beheimatet ist."

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