Die Briten verlassen die Union, aber nicht Europa

Userkommentar24. Juni 2016, 12:38
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Großbritannien hat alle Mühe, das "Empire" zusammenzuhalten. Es müssen schnell große EU-Reformen her, die andere Austrittswünsche im Keim ersticken

Glaubt man den Brexit-Befürwortern, scheint Großbritannien eine glorreiche Zukunft sicher. Keine Milliardenzahlungen mehr an Brüssel, Ausländer kommen auch keine mehr ins Land, und die EU-Norm EN 1021 1+2, die es verhindert, dass das Bett in Flammen aufgeht, wenn man mit der Zigarette einschläft, kann auch gestrichen werden. The Empire is back!

Mit nostalgischen Argumenten über eine ach so schöne Vergangenheit des britischen Königreichs und illusorischen Verheißungen für eine ach so großartige Zukunft Großbritanniens haben es die Brexit-Befürworter tatsächlich geschafft. Dass ein Boris Johnson oder Nigel Farage damit bloß politisches Kleingeld gewechselt hat, Premierminister David Cameron viel zu hoch gepokert hat, ist jetzt auch so egal, wie es diesen Herren das Wohlergehen ihrer – auch europäischen – Mitbürger ist.

Manch ein verbitterter Europäer mag jetzt sagen: Lasst die britischen Schlafzimmer in Flammen aufgehen! Alle wirtschaftlichen Abkommen sofort streichen, und den Flüchtlingen kaufen wir vielleicht auch noch Boote für die Überfahrt auf die Insel.

The Empire has fallen

Die Wahrheit ist: Großbritannien liegt am Boden und hat alle Mühe, das "Empire" zusammenzuhalten. Nordirland und Schottland werden versuchen, so bald wie möglich Referenden über ihre Unabhängigkeit anzusetzen. Die Wirtschaft wird relativ schnell einbrechen, die Regierung ist am Ende – Cameron kündigte bereits seinen Rücktritt an –, und was nachkommt, verheißt nichts Gutes. Europa und die EU müssen sich jetzt darin beweisen, Größe zu zeigen. Mehr als 50 Prozent der Briten haben sich auf einen Mix rechtspopulistischer Ammenmärchen und einer Angst vor einer immer ungewisseren Zukunft eingelassen. Diese Entscheidung, wenn auch rational falsch, ist menschlich mehr als nachvollziehbar. Vieles in der EU läuft nicht rund, und die Ausstrahlung der Union, wenn es darum geht, die Probleme der heutigen Zeit zu lösen, ist gerade nicht souverän.

Einander beistehen

Großbritannien kann Europa nicht verlassen. Großbritannien kann sich nicht auf der Insel vor den Herausforderungen dieses Jahrhunderts verstecken. Die EU sollte jetzt rasch zeigen, was sie imstande ist zu leisten. Es müssen schnell große Reformen her, die andere Austrittswünsche im Keim ersticken und die die Briten an ihrer Entscheidung zweifeln lassen. Großbritannien sollte trotz aller Verbitterung die Hand gereicht werden. Auf am Boden Liegende darf nicht noch eingetreten werden. Nur gemeinsam kann Europa die Probleme unserer Zeit lösen, und zu Europa gehört auch Großbritannien.

Der Brexit bietet eine Chance, die es zu nutzen gilt: Eine Scheidung ist immer mit großen Emotionen verbunden. Die EU muss es schaffen, nicht nur Gesetze und Normen zu verabschieden, sondern auch die Herzen der Menschen zu erreichen. Der Brexit kann zeigen, dass die EU mehr als ein bürokratischer Apparat in Brüssel ist, nämlich eine Gemeinschaft, die uns gemeinsam in dieser großen Welt stark macht. Eine Gemeinschaft, die alternativlos ist in diesem 21. Jahrhundert. Eine Gemeinschaft, die einander beisteht; auch in Zeiten wie diesen. (Micha Beiglböck, 24.6.2016)

  • Der Brexit naht. Europa und die EU müssen jetzt Größe zeigen.
    foto: reuters/toby melville

    Der Brexit naht. Europa und die EU müssen jetzt Größe zeigen.

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