Blaumeisen singen auch bei Lebensgefahr, Grund unklar

24. Juni 2016, 11:37
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Laut Wiener Forschern könnte es sich um eine Übersprungshandlung, gegenseitiges Mutzusprechen oder eine Warnung an den Angreifer handeln

Wien – Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass der Gesang von Singvögeln primär mit Partnersuche oder Konkurrenzkampf zusammenhängt. Mittlerweile weiß man, dass es sie auch zum Singen bringen kann, wenn sie in Lebensgefahr geraten. Von Männchen kannte man dieses Verhalten bereits – nun haben Wiener Forscher erstmals gezeigt, dass auch weibliche Blaumeisen bei Bedrohung durch ein Raubtier zu singen beginnen.

Das Experiment

Herbert Hoi und Katharina Mahr vom Konrad Lorenz Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben in ihrer Arbeit Attrappen von Fressfeinden – einem Sperber und einer Äskulapnatter – eingesetzt, um eine Reaktion der Vögel auf die Bedrohung des Geleges zu provozieren. Wie die Forscher im "Journal of Ornithology" berichten, zeigte sich dabei, dass auch die Blaumeisenweibchen in Gegenwart eines Räubers singen und ihr Gesang stark jenem der ebenfalls anwesenden Männchen ähnelt.

Beide Geschlechter reagierten jedoch nur auf die Bedrohung durch den Greifvogel und nicht auf die Äskulapnatter. Die Wissenschafter erklären sich das durch den Umstand, dass der Raubvogel eine Gefahr für die ausgewachsenen Vögel selbst darstellt, die Schlange hingegen "nur" eine Bedrohung für das Gelege.

Verschiedene Interpretationen möglich

Dass die Blaumeisen überhaupt auf die Räuber mit Gesang reagieren und damit Aufmerksamkeit erregen, erklärten sich die Forscher so: "Möglicherweise deuten die Tiere eine erhöhte Fluchtbereitschaft an. Sie zeigen dem Räuber, dass sie ihn entdeckt haben und jederzeit flüchten können", so Hoi. Der Gesang könnte aber auch einfach durch einen vom Stress ausgelösten hormonbedingten Reiz entstehen, Konrad Lorenz hat dies "Übersprungshandlung" genannt.

Dass der Gesang einen Hilferuf der Weibchen darstellt, schließen die Wissenschafter aus. In mehreren Fällen war das Männchen während des Versuchs in der Nähe, beide sangen dann gemeinsam. Dies könnte als gegenseitiges Mut zusprechen interpretiert werden, das den Zusammenhalt des Vogelpärchens verstärkt. (APA, red, 23. 6. 2016)

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