Schweden: Achtung Elchwechsel!

5. Juli 2016, 05:30
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Ein Pensionist aus Småland bekommt auf einmal recht viel Besuch. Einige sind nur auf die Safari durch sein Wildgehe aus, andere wollen ihren skandinavischen Hirsch eintauschen. Diese regelmäßige Rotation ist unter schwedischen Elchparkbesitzern ganz normal

Wie es für Bengt Delmeby wohl sein wird, "Ha de så bra – mach’s gut" zu seinem knapp 500 Kilo schweren August zu sagen, der nach Jönköpping umziehen wird? Der Mann in Karohemd und Jeans schweigt und schaut irritiert – aber der Ausdruck seiner Augen scheint sagen zu wollen, dass es wahrscheinlich nicht ganz einfach wird.

Und dann kommen doch noch Worte über seine Lippen: dass Elche ja keine Haustiere seien. Dass sie auf den 16 Hektar Wald- und Moorlandschaft hinter Bengts blutrotem schwedischen Schuppen herumrennen, die meiste Zeit bis zur Hüfte im Morast stehen und genau das toll finden.

Regelmäßig tauchen Leute bei Bengt Delmeby in Småland auf, die Elche mit ihm tauschen wollen. Sie kommen nicht aufs Geratewohl. Sie kennen sich untereinander, haben dasselbe Hobby oder denselben Beruf – und arrangieren das Wechselspiel professionell. Manchmal mit ein wenig Traurigkeit. Trotzdem geht es nicht anders. Für morgen hat sich ein Paar aus Jönköpping weiter im Norden angekündigt, das mit ihm Elche tauschen will. Weil es nicht erlaubt ist, Zuwachs für die eigene Elche-Sammlung direkt aus der Wildnis heraus zu fangen.

Neue Gesichter im Gelände

Wer in Schweden einen privaten Elchpark betreibt und frisches Blut dafür braucht, Abwechslung sucht oder ab und zu bei der Wanderung durchs Gelände mal in andere Gesichter schauen will, ist deshalb darauf angewiesen, mit einem anderen Elchparkbetreiber zu tauschen. Diesmal geht es um Elchbulle August. Dabei ist er erst vor einem Dreivierteljahr wieder Vater geworden – und enorm fotogen. Ein Bilderbuch-Elch mit weit ausladenden Schaufeln des Geweihs. Genau so einer, weswegen Touristen vor allem in der Sommersaison zwischen Anfang Juni und Ende August in den Elchpark von Bengt Delmeby kommen. Sie wollen Schwedens Nationaltiere aus der Nähe sehen, Fotos und so etwas wie eine Safari machen.

Denn einerseits sind die Elche in solchen Parks nicht mehr ganz so schreckhaft und zur Flucht entschlossen wie in freier Wildbahn, wenn sich ein Mensch nähert. Andererseits sind die großen Grundstücke dieser Parks eingezäunt: damit keines der Tiere abhauen kann. "Vor allem aber", sagt Delmeby, "damit keiner hineinkommt! Denn wenn wilde Elche während der Brunft die Zäune überwinden und sich an Augusts Elchkuh Hilma heranmachen sollten, dann gäbe es Stress."

Pappeln und Birken füttern

35 Elchparks gibt es in Schweden, viele davon in der Provinz Småland nördlich und westlich der Küstenmetropole Kalmar. Bengt ist der sechste, der eine Lizenz bekommen hat. Es gibt welche, da fährt man im Schritttempo mit dem eigenen Auto durch. Bei anderen hockt man sich auf Sitzbänke im Anhänger eines Traktors, wird so durchs weitläufige Gehege gekurvt und kann besonders zutrauliche Exemplare von dort oben aus mit bei Elchen besonders angesagten Pappeln- und Birkenzweigen füttern.

Eine Zahl, wie viele Elche dort sorglos und doch in Gefangenschaft leben, gibt es nicht. Der Bestand an wild lebenden Großhirschen dieser Art wird hingegen in Schweden auf etwa 250.000 geschätzt. Dabei sind sie bei Einheimischen nicht mal sonderlich beliebt – weil ihre Zahl rasant zugenommen hat, sie in der Land- und Forstwirtschaft Schäden anrichten, vor allem aber, weil sie für schwere Autounfälle zumindest mitverantwortlich sind. Im Ausland dreht sich das Bild: Schwedenreisende lieben Elche. Weil sie in Mitteleuropa nicht vorkommen und deshalb exotisch sind. Sie sind Symbol geworden für schwedische Lebensweise – und damit auch Synonym für Freiheit, Weite, für grenzenlose Natur.

Elche für den Ruhestand

Bei Bengt Delmeby, Jahrgang 1946, war der Elchpark immer Nebenerwerb, ein schönes Hobby. Im Hauptberuf war er Bauer. Und jetzt, seit er in den Ruhestand getreten ist, führt er die Besucher über Fahrwege und auf schmalen Pfaden zu Fuß über das Gelände – manchmal bis auf 15 oder 20 Meter Luftlinie an seine Elche heran.

Rund 1.000 Besucher kommen jedes Jahr hierher, zahlen 60 Kronen Eintritt, umgerechnet zehn Euro. Manche sind auf der Durchreise, sehen den geschnitzten Elch in der Einfahrt eine halbe Stunde von Kalmar entfernt. Andere machen vorher einen Termin mit ihm aus. Im Elch-Business gibt es alles, auch die Familienvariante des Elchparks mit Bimmelbahn und Riesen-Souvenirshop. Bei Bengt ist das nicht so: "Lieber klein und persönlich". Aber je mehr Nachwuchs es gibt, desto besser laufen die Tauschgeschäfte.

Mal sehen, was die Tauschpartner sagen. Und was sie anzubieten haben. Einen neuen starken Bullen, den würde er nehmen – und seinen August dafür hergeben. Was Elchkuh Hilma dazu meint? Bengt zuckt nur mit den Schultern. "Sie wird nicht gefragt. Natürlich nicht." (Helge Sobik, 5.7.2016)

Bengt Delmebys Park in Vassmolösa heißt Hallagårdens Älg & Vilt: www.hallagarden.com

Die Reise erfolgte teilweise auf Einladung des Regionalverbunds i Kalmar Län und von Stena Line.

  • Der Elch – Symbol für skandinavische Freiheit. In der zugegebenermaßen komfortablen Gefangenschaft eines Wildgeheges müssen die Tiere für frisches Blut regelmäßig unter Parkbetreibern getauscht werden.
    foto: imago/nature picture library

    Der Elch – Symbol für skandinavische Freiheit. In der zugegebenermaßen komfortablen Gefangenschaft eines Wildgeheges müssen die Tiere für frisches Blut regelmäßig unter Parkbetreibern getauscht werden.

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