ORF-Wahl ab jetzt Mann gegen Mann

23. Juni 2016, 17:56
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Der kaufmännische Direktor Richard Grasl will am 9. August eine dritte Amtszeit von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz verhindern. Am Tag davor stellen die Kandidaten Stiftungsräten ihre Programme vor. Der ORF überträgt live

Wien – Die erste Hitzwelle des Landes: Manch einem stand da am Donnerstag im ORF-Zentrum auf dem Küniglberg der Schweiß auf der Stirn. Aber nicht allein die hohen Temperaturen waren Ursache für erhöhte Transpiration. Die Ankündigung von Finanzchef Richard Grasl, als Gegenkandidat bei der ORF-Wahl am 9. August Alexander Wrabetz die dritte Amtszeit abspenstig machen zu wollen, garantiert in den nächsten Wochen hitzige Zeiten.

Kein gemeinsames Foto

Der "New Deal" war in diesem Fall somit ein "No Deal": nichts mit dem Tauschgeschäft "Ich geb dir eine Rechnungshofpräsidentin, dafür lässt du mir meinen Generaldirektor". So es jemals eine solche Absprache zwischen SPÖ und ÖVP gegeben hat, wurde diese Option kurzerhand gestrichen. Die ÖVP soll nach STANDARD-Infos Grasl dazu gedrängt haben, der sich seiner Mehrheit im Stiftungsrat zum jetzigen Zeitpunkt ebenso wenig sicher sein kann wie Wrabetz. Ab jetzt heißt es Mann gegen Mann bei der nächsten ORF-Wahl. Ein gemeinsames Foto der Kandidaten für die Presse gab es dieses Mal nicht. Die Nervosität steigt.

18 von 35 Stimmen

Wer Generaldirektor werden will, braucht eine Mehrheit im Stiftungsrat. Die 35 Räte bestellen nach dem ORF-Gesetz den Alleingeschäftsführer für die nächsten fünf Jahre. 18 Stimmen benötigen Grasl und Wrabetz. Bei den Stimmen der parteinahen Gremiumsmitglieder herrscht mit 13 zu 13 Pattstellung. Zünglein an der Waage sind die fünf Stiftungsräte der Opposition sowie vier Unabhängige. Für die ORF-Wahl bedeutet diese Konstellation ein spannendes Rennen um den ORF-Alleingeschäftsführer.

"Positiver Wettbewerb um Ideen"

Einen "positiven Wettbewerb um Ideen" wünscht sich der Neokandidat Grasl. Nicht alle glauben daran: "Und dann sind wir aufgewacht", ätzt ein leicht verstimmt wirkender ORF-General am Rande der Veranstaltung. Über Grasls Antreten zeigt sich Wrabetz wenig überrascht, die Kandidatur sei schließlich "sechs Monate intensiv vorbereitet worden".

Ausschlaggebend für Grasls Entscheidung sind Auffassungsunterschiede in der Struktur: Wrabetz will den im ORF-Gesetz vorgesehenen Alleingeschäftsführer beibehalten, Grasl will per Geschäftsordnung eine kollegiale Führung.

Reaktionen durchwegs positiv

Durchwegs positiv fielen die Reaktionen aus: "Erfreulich" ist Grasls Kandidatur für Neos-Stiftungsrat Hans Peter Haselsteiner: "Der ORF verdient einen größeren Wettbewerb um seine Zukunft." Der Kärntner Stiftungsrat Siggi Neuschitzer hält sich offen, wem er seine Stimme geben wird. Vom neuen ORF-Chef fordert er eine "Umstrukturierung der Information". Die Causa Tempelberg rund um den FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer habe gezeigt, dass eine Entflechtung der Kompetenzen rund um Infochef Fritz Dittlbacher notwendig sei, sagt Neuschitzer zum STANDARD.

Den "ersten Schritt für eine gute Zukunft des ORF" sieht Thomas Zach, Leiter des ÖVP-"Freundeskreises" mit der Nominierung des Bürgerlichen Grasl. Erich Fenninger, Leiter des SPÖ-"Freundeskreises" bedauert, dass "ein erfolgreiches Team so nicht mehr weiterarbeiten wird". Der ehemalige Caritas-Präsident Franz Küberl hofft, dass sich "der Wahlkampf in vernünftigen Bahnen entwickelt".

Nachnominierung bis 1. August möglich

Zuletzt diskutierte Nachnominierungen sind laut Beschluss bis 1. August, 12 Uhr möglich. Am 30. Juni wird ausgeschrieben. Bei den vergangenen ORF-Wahlen 2006 und 2011 waren Nachnominierungen bis zum Wahltag möglich. Die Ablöse Monika Lindners durch Wrabetz gelang in einer solchen Nachfrist. Ein ähnliches Szenario ist damit ausgeschlossen.

Präsentation der Konzepte live im ORF

Vom Tisch ist ein öffentliches Hearing der Kandidaten. Rechtliche Bedenken, etwa die Gefahr, Betriebsgeheimnisse könnten nach außen dringen, führten zum Schwenk. Als Ersatz präsentieren die Kandidaten ihr Programm am 8. August – ohne Frage-Antwort-Möglichkeit, übertragen von ORF 3 und voraussichtlich als Livestream (mehr dazu hier).

Der Verkauf des Funkhauses an die Vorarlberger Rhomberg mit drei Gegenstimmen war da nur Nebenschauplatz. Die auf Journalisten herabbröckelnde Mauer vor dem Sitzungssaal ebenso. Ab sofort: Wahlkampf. (prie, 23.6.2016)

Nachlese

Fix: Richard Grasl tritt bei ORF-Wahl an – ORF-Finanzdirektor wünscht sich "postiven Wettbewerb der besten Ideen für den ORF" – Wrabetz von Kandidatur "nicht überrascht

  • Generaldirektor Alexander Wrabetz und Finanzchef Richard Grasl wollen an die Spitze des ORF.
    fotos: apa/hochmuth

    Generaldirektor Alexander Wrabetz und Finanzchef Richard Grasl wollen an die Spitze des ORF.

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