Nationalteam: Koller bleibt der ideale Teamchef

Kommentar23. Juni 2016, 17:53
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Trotz Öxit hat das gescheiterte Fußballteam Zukunft, es verdient den Realitätssinn

Marcel Koller muss das Goldene Verdienstzeichen der Stadt Wien natürlich nicht an Michael Häupl retournieren. Er könnte es aber gegen das Silberne eintauschen. Fakt ist, dass die österreichische Fußballnationalmannschaft bei der EURO kläglich gescheitert ist. In der vermeintlich schwächsten Gruppe – an Ungarn, an Island. Portugal kann man gelten lassen.

Ein Problem des Teams war, dass es die Erwartungen selbst sehr hoch geschraubt hat. Im Nachhinein wäre es klüger gewesen, sich mit Ach und Krach zu qualifizieren. Und nicht mit 28 von 30 möglichen Punkten. Das Land drehte durch, verkannte die Realität, wurde in seiner Euphorie durch die blöde Weltrangliste, die die ÖFB-Auswahl bis auf Platz zehn steigen ließ, befeuert. Koller wurde ein Heiligenschein aufgesetzt, auch von den Medien. Er hat die diversen Seligsprechungen gar nicht so heftig abgelehnt. Vielleicht hätte der Teamchef heftiger dagegen ankämpfen müssen. Er ließ den Dingen das, was sie gerne haben, den freien Lauf.

Der Schweizer gilt als entschiedener Gegner der österreichischen Raunzerei. Jetzt ist er genau mit dieser konfrontiert, die Klugscheißer haben Kirtag. Die Mannschaft ist sicher nicht schlecht, sie hat den Alaba, den Fuchs, den Baumgartlinger. Dass ausgerechnet Alaba philosophisch wurde, rührte. "Unser Buch ist nicht fertiggeschrieben, das war nur ein Kapitel." Alaba zählte zu den Schwächsten der Schwachen. Wobei an ihn höhere Ansprüche gestellt werden.

Koller suchte nach Erklärungen, fand keine befriedigenden, das Gefühl der Ratlosigkeit war ihm bisher fremd. Er hat immer von der Wohlfühloase gesprochen, in der die Spieler nur ihre Qualitäten abrufen müssten. Aber warum sollten sich isländische oder ungarische Kicker unwohl fühlen? Was ist das für ein Qualitätskriterium?

Es gibt natürlich auch ganz banale Ursachen, Verletzungen, Pech. Weshalb die Gesunden derart nervös und ohne Selbstbewusstsein auftraten, konnte nicht enträtselt werden. Das Recht auf Nervosität und kein Selbstbewusstsein haben andere auch.

In Wahrheit ist der Bruch nach der Qualifikation erfolgt. Die fünf Freundschaftsspiele waren ein Jammer. Die Automatismen gingen verloren, die Spieler logen sich selbst an, sagten, man müsse nur den Schalter umlegen. Es liege an Kleinigkeiten. Die Kleinigkeiten wuchsen sich aus. Und niemand hat es gemerkt.

Koller hat eine lobenswerte Eigenschaft. Er steht für Kontinuität, setzte immer auf jene, die die Reise nach Frankreich ermöglicht haben. Er war allerdings nicht in der Lage, den Schalter umzulegen. Die Nibelungentreue wurde zum Selbstfaller. Koller erkannte zu spät, dass sein Stammpersonal von Hochform weiter entfernt ist als ein Schweizer vom Raunzen. Er stellte das System um, zauberte neue, nicht funktionierende Taktiken aus dem Hut, brachte viel zu selten den begabten Alessandro Schöpf. An der Reise war dieser halt nicht beteiligt.

Jetzt wird analysiert. Natürlich hat das Team Zukunft. Es hat Realitätssinn verdient. Koller bleibt der ideale Teamchef. Vielleicht sollten die Alabas mehr streiten, die Wohlfühloase birgt die Gefahr der Bequemlichkeit. Nur Reibung schafft Energie. Die WM 2018 in Russland ist das nächste Ziel. Die Qualifikation sollte aber nur mit Ach und Krach gelingen. Österreich taugt weder zum Welt- noch zum Europameister. Nicht nur im Fußball. (Christian Hackl, 23.6.2016)

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