Koller: "Ich bin abhängig von den Spielern"

23. Juni 2016, 16:59
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Letzter Auftritt in Mallemort: Teamchef Marcel Koller und Kapitän Christian Fuchs bedanken sich bei den Fans, Koller sagt, man müsse "kritisch sein". Schon im September beginnt die Qualifikation für die WM 2018

Mallemort – Wie bestellt und nicht abgeholt saßen sie am Mittwochabend gegen 20 Uhr verstreut auf dem Rasen des Stade de France. Minutenlang. Die Köpfe gesenkt, manch Hand wischte Tränen weg, es können aber auch nur Schweißtropfen gewesen sei. Die Patschen hatten sie ausgezogen, Fußballschuhe sind eng und unbequem, die Schienbeinschoner wurden entsorgt, die Stutzen runtergerollt.

Dazwischen jubelten nach dem 2:1 die Isländer in Trauben, der Neid konnte einen fressen. Island darf am Montag in Nizza das Achtelfinale gegen England bestreiten. Die Engländer sind das Vorbild, der gewöhnliche isländische Teamfußballer ist verrückt nach der Premier League. Die rund 35.000 Fans aus Österreich hatten ihre Anfeuerungen längst eingestellt, sie bliesen bereits in der Pariser Metro Trübsal. Einige waren leicht zornig, ein Punkt aus drei Spielen, ein Desaster. Was man verspricht, sollte man halten. Wobei die Mannschaft den EM-Titel nie angekündigt oder gar versprochen hat. Man wollte als Minimalziel das Achtelfinale erreichen, danach von Spiel zu Spiel schauen. Und jetzt wird nur aus der verschwitzten Wäsche geschaut.

Keine Ausreden

Immerhin haben sie sich gestellt. Stefan Ilsanker beschrieb die Gefühlslage mit einem Wort. "Beschissen." Konkreter kann nicht einmal Marko Arnautovic sein. "Leer", sagte Kapitän Christian Fuchs, der zugegeben hat, "dass wir unter unseren Möglichkeiten geblieben sind. Die eigenen Ansprüche wurden nicht erfüllt." Florian Klein: "Es ist völlig egal, wie gut die Quali war." Julian Baumgartlinger ersuchte um Milde, so kurz nach dem Scheitern sei eine vernünftige Analyse unmöglich. Er versuchte es trotzdem. "Wir dürfen nicht nach Ausreden oder Alibis suchen. Es war zu wenig, wir hatten zu viele Baustellen. Dass wichtige Spieler verletzt und einige nicht in Hochform waren, ist Fakt. Uns fehlt die Ruhe, wir waren hektisch, nervös. Fragen Sie mich nicht, warum. Vielleicht ist es ein Lernprozess, den wir durchschreiten müssen." Aleksandar Dragovic, der einen Elfer vergeben hatte, geißelte sich kurz selbst. "Wir liegen, werden aber wieder aufstehen."

Donnerstag, 13 Uhr, Teamchef Marcel Koller tritt ein letztes Mal in Mallemort auf. Gemeinsam mit Sportdirektor Willi Ruttensteiner und Fuchs. Alle drei dankten den Fans, der großartigen roten Wand, die in Frankreich für Gänsehautmomente gesorgt hatte. Und sie ersuchten höflichst darum, dass die Fans so bleiben mögen, wie sind. In den nächsten Wochen wird analysiert, diskutiert, in die Tiefen und Untiefen gegangen, auch Selbstkritik ist nicht auszuschließen. Mögliche Fehler sollen sich nicht wiederholen.

Im immer noch akuten Schockzustand wurde eher nur festgestellt, dazu rät jeder Arzt. Ruttensteiner sagte: "Wir haben alles versucht, es hätte beinahe gereicht. Die Vorbereitungen waren perfekt. Wir brachten die Performance aber nicht auf den Punkt, die Mannschaft konnte ihr wahres Gesicht nicht zeigen. Vielleicht war das eine Erfahrung, die stärkt. Niederlagen bringen einen weiter." Koller stimmte dem zu. "Nur eine gute Halbzeit, die zweite gegen Island, reicht auf diesem Niveau nicht. Da müssen wir kritisch sein. Ich bin Trainer und abhängig von den Spielern." Systeme könnten niemals ein Match verlieren oder gewinnen. "Die auf dem Platz stehen, entscheiden."

Kollers Erwartungshaltung war "nicht jene, als Letzter der Gruppe heimzureisen". Er werde natürlich mit dem vorhandenen Personal weiter tun, Neuankömmlinge, sofern Verstärkungen, seien willkommen. "Ich werde niemandem den Kopf abreißen." Koller ließ aber leise anklingen, dass es vor und während der EURO die eine oder andere Differenz innerhalb des Teams gegeben haben könnte. "Dass es Spannungen gibt, ist völlig normal, wenn man vier oder fünf Wochen beisammen ist. Jeder muss vor der eigenen Türe kehren. Es ist wichtig, bei sich selbst zu beginnen und nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen."

Das nächste Spiel ist ein wichtiges, am 5. September startet in Georgien die WM-Qualifikation. Die anderen Gegner sind Wales, Irland, Serbien und Moldawien, nur der Erste ist Fixbestandteil der Endrunde 2018 in Russland. Der Zweite muss ins Playoff. Fuchs sagte noch: "Wir werden uns an der eigenen Nase packen, alles abhaken und aufstehen. Es gibt auch viel Gutes in der Mannschaft, das werden wir zeigen." (Christian Hackl aus Mallemort, 23.6.2016)

  • Die Koffer sind gepackt.
    foto: apa/jäger

    Die Koffer sind gepackt.

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