Saxofonist Heinrich von Kalnein: Vom vornehmen Sound der Intuition

23. Juni 2016, 16:35
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Der Musiker, der mit der Jazz Big Band Graz ein tolles Album eingespielt hat, übers Scheitern, den magischen Bühnenaugenblick und endloses Üben

Wien – Es gibt wichtige Ratschläge, über die der fleißige Studiosus zunächst ungläubig staunt. Kommt die Anregung auch von einem verehrten Meister, so verpflichtet sie bisweilen zu einem beträchtlichen Ausmaß an Geduld. Es war der britische Saxofonist Alan Skidmore, der Heinrich von Kalnein also empfahl, "zehn Jahre lang sehr lange Töne zu üben ...". Dann würde es schon was werden – mit einem markanten, individuellen Sound.

"Skidmore war durchaus schon vom Whiskey geprägt, als er dies sagte. Er sprach aber eine große Wahrheit aus", so Kalnein, der seinen protestantischen Hintergrund betont, was wohl bedeutet, es mit dem Rat recht genau genommen zu haben.

Ein toller Ton

Es hat vermutlich alles gedauert und war mit Mühen, Selbstsuche und -zweifeln verbunden; es hat sich aber ausgezahlt, hartnäckig zu bleiben: Der 1960 in Baden-Baden geborene Altsaxofonist nennt seit langem einen einprägsam lyrischen, aber auch facettenreichen Ton sein Eigen, der Improvisationen besondere Farbigkeit verleiht.

Kalnein selbst versteht sein Instrument "als Verlängerung der Stimme" und nennt als Einflüsse John Coltrane und Norweger Jan Garbareck, Musiker also "mit einem sehr präsenten Ton. Aber auch Oliver Nelson war wichtig und auch Wayne Shorter. "Der setzt den Ton hin wie ein Maler!" Kalneins bewundernde Erinnerung kreist auch um Saxofonist Charles Lloyd. Ein Konzert des Kollegen (im Porgy & Bess) war "für mich einer der schönsten Momente."

Im Großformat

Aktuell ist Heinrich von Kalneins eleganter Stil im Rahmen der Jazz Big Band Graz (aktuelle Aufnahme True Stories) zu studieren wie auch anhand der diskreten Form des Duos. Mit dem Pianisten Michael Abene hat er die delikate CD Dreamliner eingespielt – auf seinem eigenen Label Natango Music. "Entweder du bist bei einem großen Label, das dann etwas für die Verbreitung der CD tut, oder du machst es besser selbst. Technisch ist das alles mittlerweile möglich. Mir macht der Prozess des Herausgebens jedenfalls Spaß – ich habe Verlagsbuchhändler gelernt, die Produktion von etwas haptisch Greifbarem finde ich interessant."

Bei der Grazer Big Band ist Kalnein, der die Formation zusammen mit Horst-Michael Schaffer leitet, ein markantes Rädchen in einem großen Ganzen. Abseits individueller instrumentaler Bedürfnisse gehe es vor allem um den Gesamtklang. "Ich denke, wir haben einen Sound entwickelt, der meilenweit weg ist von einer konventionellen Big-Band-Ästhetik. Elektronik und Popzugang sind uns wichtig, es ist alles großformatig, es soll also großes Kino sein. Die Hörer sollen wie Kinder staunen", so Kalnein, der einige Zeit auch beim Vienna Art Orchestra musiziert hat. "Ohne die Jahre mit dem Art Orchestra wäre mir auch einiges an logistischem Know-how entgangen. Da gab es eine Tournee von sechs Wochen, auf der fast täglich gespielt wurde."

Solche Marathons können natürlich auch an Grenzen führen, Routine eindringen lassen. Und so etwas wird bisweilen zur Belastung für eine Philosophie, die den Augenblick des Musizierens als magisch betrachtet. "Du kannst nicht einfach auf die Bühne stapfen. Die Leute geben sich Mühe, kommen zum Konzert, sie hätten ja auch ins Kino gehen können. Das soll man sich vergegenwärtigen: Die Bühnensituation ist für mich etwas Heiliges."

Das nötige Scheitern

Allerdings, und das war auch für Kalnein eine Hürde, muss Platz sein für ein bisschen Scheitern. Dieses zuzulassen – wieder nennt er das Stichwort "protestantisches Leistungsethos" – war erst zu erlernen. "Gelingt es dir nicht, verlierst du das Spielerische." Und nichts ist im Jazz unproduktiver. Improvisation ist schließlich sehr oft Risiko, auch "Versuch und Irrtum" – auf höchstem Niveau natürlich. (Ljubisa Tosic, 23. 6. 2016)

  • Heinrich von Kalnein und der Fleiß: "Da gab es eine Tournee  von sechs Wochen, auf der fast täglich gespielt wurde."
    foto: grossebner

    Heinrich von Kalnein und der Fleiß: "Da gab es eine Tournee von sechs Wochen, auf der fast täglich gespielt wurde."

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