"Mikro & Sprit": Zum Glück geht's dem Sommer entgegen

27. Juni 2016, 16:39
1 Posting

Michel Gondrys schelmische Komödie "Mikro & Sprit" über zwei junge Ausreißer

Wien – Wenn Erwachsene im Leben nicht mehr vom Fleck kommen, setzen sie sich gerne in Bewegung. Dereinst in fremde Länder zum Wohle der eigenen Zivilisation oder wenigstens für den Geldbeutel, im Laufe der Jahrhunderte aber auch zunehmend für den eigenen Geist und die Herzensbildung.

Kinder und Jugendliche hatten es da schon immer etwas schwerer: Wenn sie ausbrechen, dann schlagen sie sich höchstens in die Bäume oder, bei fortgeschrittener Reife, eben in die Büsche. Aber wer richtig wegkommen will, und zwar nicht ins Jugendlager oder Feriencamp, der muss sich schon was Besonderes einfallen lassen: zum Beispiel ein Auto bauen, das sich in ein Haus verwandelt.

foto: studiocanal
Experimente hinterlassen Spuren: Mikro & Sprit ist das zum Glück egal.

Der französische Regisseur und Autor Michel Gondry, der vor fünfzehn Jahren mit Filmen wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind und Science of Sleep eine neue, skurrile Tonlage in der US-Filmkomödie angestimmt hat, verfolgt mit seinem jüngsten Film Mikro & Sprit (Microbe et Gasoil) eine einfache Idee: Man nehme eine konventionelle Freundschaft zwischen zwei Außenseitern, deren primäres Interesse nicht unbedingt ihren schulischen Leistungen gilt, verpacke sie in eine Coming-of-Age-Geschichte, im Laufe deren sich die beiden auf das Erwachsenwerden einstimmen dürfen, und schicke sie auf eine Abenteuerreise, um ihrer jugendlichen Ziellosigkeit freien Lauf zu lassen. Wer nicht weiß, wo er den Kopf hat, soll wenigstens wissen, wo der Rest hinfährt.

Also machen sie sich auf den Weg: Théo (Théophile Baquet) ist ein nach Benzin stinkender Tüftler, der sich als Neuling in der Klasse zu behaupten hat, während Daniel (Ange Dargent) den sensiblen Gefährten gibt, dessen von einer ersten Liebe erregtes Blut durch eine künstlerische Ader fließt. Gemeinsam ist ihnen die Abneigung gegen die jeweilige Kernfamilie. Nachlässigkeit und Überbehütung – als Daniels Mutter macht sich Audrey Tautou große Sorgen – werden zum Antrieb.

foto: studiocanal

Das Schöne an diesem Film ist seine Beharrlichkeit, mit der er sich wehrt, seine Helden etwas lernen zu lassen, und zwar ungefähr mit derselben Beharrlichkeit, die sie an den Tag legen, um den Sommer gemeinsam verbringen zu können. Die Fahrt im selbstgebastelten Mobil, das es immerhin auf zwanzig Stundenkilometer bringt, sorgt zwar für den einen oder anderen Erkenntnisgewinn, aber im Grunde interessiert sich Gondry nicht fürs Lernen fürs Leben.

robert hofmann

Mikro & Sprit ist viel mehr Schelmen- als Bildungsroman: Die Weisheiten, die hier wie Sprüche geklopft werden, zählen nicht für die Ewigkeit, sondern sind im nächsten Augenblick nicht mehr wahr – weil sich mit jeder Kurve die Sicht auf die Dinge ändert. Das ist erfrischend, weil dieser Film einerseits nur Nützliches für den Alltag lehrt – zum Beispiel immer gut aufpassen, wo man die Nacht zu verbringen gedenkt -, und andererseits Dinge, die man am besten in jungen Jahren gleich wieder vergisst. Zum Beispiel den Blödsinn, den Erwachsene mehrheitlich von sich geben.

Lieber sich eigene Gedanken machen. Scheitern. Die Karre bergauf schieben. Und wenn nötig aus dem Dreck ziehen. (Michael Pekler, 27.6.2016)

Jetzt im Kino

Share if you care.