Netzwerk: So spielte Österreich gegen Island

Infografik23. Juni 2016, 15:12
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Mutantisches Ausmaß und geerdetes Spiel im letzten Euro-Auftritt

Das österreichische Passnetzwerk im Spiel gegen Island hat vergleichsweise mutantische Ausmaße. Der Grund dafür liegt in einer von Teamchef Marcel Koller vorgenommenen Änderung des genetischen Taktik-Codes. Während vor der Pause mit Dreierkette in der Defensive (Sebastian Prödl, Aleksandar Dragovic, Martin Hinteregger) und den Außenverteidigern Christian Fuchs und Florian Klein als offensiv orientierte Flügelspieler experimentiert wurde, stellte Koller in der Pause auf das erprobte 4-2-3-1 um, wobei Alessandro Schöpf die Rolle des verletzten Zlatko Junuzovic einnahm.

Die Spielzüge, Pässe und Zweikämpfe werden codiert, statistisch und netzwerkanalytisch ausgewertet und interpretiert. Das Passnetzwerk bildet die Ballwege zu den drei wichtigsten Partnern jedes Spielers ab, die Kreisgrößen zeigen die Summe der Pässe.

Nach dem Schock des frühen Rückstands und einer kurzen Phase der Rekonvaleszenz nahm die österreichische Mannschaft zum ersten (und natürlich auch zum letzten) Mal in diesem Turnier das Heft spielerisch in die Hand. Wie in den glanzvollen Qualifikationszeiten prägte sich der Beziehungsschwerpunkt mit Fortdauer der Begegnung zwischen linkem Flügel und offensivem Zentrum aus. Hinteregger und Fuchs gaben die Spieleröffner und versorgten David Alaba, Marko Arnautovic und Schöpf mit brauchbarer Flachware, im Kontrast zu den nervenaufreibenden Hohe-Bälle-Stafetten in der ersten Hälfte.

Die Analysen werden von einer chronologischen Aufzeichnung des Spielverlaufs begleitet, die, in Abstände von fünf Minuten zerlegt, die Anzahl der Pässe und der Zweikämpfe der beiden Mannschaften veranschaulicht und so die Aktivitätskurve der Mannschaften am Ball und "am Mann" über die gesamte Spielzeit verdeutlicht.

Das solcherart geerdete Spiel nahm Fahrt auf und fand in Schöpf einen frischen, äußerst klug auftretenden Impulsgeber. An seiner Furchtlosigkeit richteten sich auch die bis dahin befangen agierenden Leistungsträger Julian Baumgartlinger, Alaba und Arnautovic wieder auf und brachten die isländischen Doppelmauer zeitweise gehörig ins Schwanken.

Die Grafik zur taktischen Typologie setzt die Rollen der Spieler ins Verhältnis zur Performance ihres Teams. Sämtliche Werte des Passspiels (x-Achse) bzw. des Zweikampfverhaltens (y-Achse) werden über den Wert 1 normalisiert. Die Anzahl der Pässe setzt sich aus gegebenen und angenommenen Pässen zusammen, die der Zweikämpfe aus aktiven, passiven, ungerichteten Zweikämpfen. Der Wert des Einzelspielers weist seine Position innerhalb der Gesamtperformance aus und verortet ihn in Bezug auf seine taktischen und spielerischen Aufgaben.

Mit ein bisschen mehr Glück hätte dieses kurze Wiedererstarken beinahe zum Aufstieg in das Achtelfinale gereicht. Dort stehen jetzt die Isländer, die gegen Österreich ihren gewohnt schnörkellosen Konterfußball praktizierten.

Für dieses Diagramm wurden die Pässe und Zweikämpfe der drei Gruppenspiele summiert, mit der insgesamt gespielten Zeit gewichtet und die Werte wurden innerhalb der Mannschaft normalisiert. Die gespielten Minuten jedes Spielers über die drei Spiele hinweg sind in den Kreisen angegeben.

Abgesehen von den ersten 15 Minuten überließ man den Ball in der Regel den Rotweißroten und begnügte sich im Umschaltspiel mit hohen Bällen in die Doppelspitze mit Kolbeinn Sigthorsson und Jon Dadi Bödvarrson. (Helmut Neundlinger, 23.6.2019)

Analytikerinnen und Analytiker

FASresearch war bei den Weltmeisterschaften 2006, 2010 und 2014 sowie bei den Europameisterschaften 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den STANDARD auch die laufende EURO in Frankreich.

Team: Harald Katzmair, Helmut Neundlinger, Ruth Pfosser, Andrea Werdenigg, Agnes Chorherr, Philipp Angermaier, Michael Schütz

fas-research.com

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